Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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202 kein Auge hatten, jedenfalls nichts besonderes dabei fanden. Mirele war eben „ä schäme Mad!" Dieser innere Glanz, diese seltsame Schönheit, die sich über sie ausbreitete, gab in ihrer Umgebung keinen Grund zum Nachdenken oder zur Bewunderung. Einmal, als sie geschmeidig und hurtig wie eine Eidechse von der Veranda ins Haus lies, um etwas herbeizuholen, was Reb Meyerl verlangte, sagte der Oberingenieur Krause, Ringelwölkchen aus seiner Zigarre in die laue Luft sendend: „Das Fräulein Mirele wird wirklich eine boants!" Die übrigen Herren sahen ihr zustimmend nach, nur der junge Graf blickte gleichmütig vor sich hin, .ohne ihr irgend welche Beachtung zu schenken. Manchmal hörte ich auch von irgend woher ihre Stimme. Ich konnte nicht unterscheiden, was sie sprach, aber es waren Verse, denn rythmisch war der Tonfall und sehnsuchtsvoll der Klang. Mir wurde sie immer rätselhafter und ihre Sehnsucht sprang hypnotisierend auf mich über. Meine Sehnsucht aber richtete sich auf die Heimreise und ich bekam ein unsagbares Verlangen nach dem Elternhause. Wohin die ihre flatterte?! Meine Schwester wurde von meinem Heimweh mit ergriffen. Wir waren Leide müde der Sommerfreuden und in diesem Sinne schrieben wir nach Hause und waren glücklich, als die Antwort kam: Mama würde uns kurz vor Roschhaschana abholen. , Anfangs September also! Sobald wir einen festen Zeitpunkt vor uns sahen, gaben wir uns in erneutem Genießen den uns gebotenen Annehmlichkeiten hin und es war, als seien alle doppelt bemüht, Uns vor der Heimreise Liebes zu erweisen. Jeden Tag wurde etwas anderes unternommen, die Abende vereinten uns in anregender Geselligkeit um den Teetisch. Und doch lag es wie Abspannung über den Gemütern, wie Schwüle in der Luft. Schwer und heiß zog der Spätsommer über die Fluren. Auch die Nächte brachten keine Abkühlung, und wenn ich schlaflos zu den weitgeöffneten Fenstern hin-