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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1917-01-01 · 20 (1917) · p. Seite 201

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
20 (1917)
Article
Mirele
Date
1917-01-01
Page
Seite 201 (sequence 31)
Language
German
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201 Bis zum Mittagessen war noch Zeit. Fröhlich stimmte ich zu und rasch eilten wir nach der Badehütte, um bald daraus im kühlen Wasser umher zu plätschern. Lachend, singend schwammen wir durch die klare Flut und plötzlich bekam ich einen tollen Einfall und rief ihr zu: „Mirele, trage etwas vor." Und ohne langes Besinnen sprang sie auf einen breiten Stein, der moosbedeckt im Wasser lag, und die Arme ausbreitend deklamierte sie: „Liebe rauscht der Silberbach Liebe lehrt ihn sanfter wallen, Seele haucht sie in das Ach Klagenreicher Nachtigallen — hierbei neigte sie den Kopf in lauschender Haltung und legte die Hand ans Ohr und weiter mit jauchzender Stimme: Liebe, Liebe lispelt nur Auf der Laute der Natur" und mit lautem Aufschrei sprang sie untertauchend in das Wasser zurück, das über ihrem Kopfe zusammenschlug. Ich erschrak heftig. Es war das Werk eines Augenblicks und schon war sie wieder oben, und den Kranz aus den nassen Haaren reißend, rief sie lachend: „Ei weih, haißt meschugge!" Vorbei war es mit Schreck, Vergnügen, Badelust. Ich eilte rasch in die Badehütte, kleidete mich an und ging durch den Garten dem Hause zu. Ich sah nicht, ob sie mir folgte, aber beim Mittagbrot war sie zugegen und nichts verriet das kleine Erlebnis von vorhin. Nicht einmal ein Blick des Einverständnisses streifte mich, und dieses hörte von jener Stunde an gänzlich zwischen uns auf. Beinahe ging sie mir jetzt völlig aus dem Wege und wenn ich sie verstohlen durch die Büsche schleichen sah oder wir zufällig aus einsamen Waldpfaden uns hätten begegnen können, wichen wir uns aus. Aber daß sie schöner wurde von Tag zu Tag, daß sie aufblühte in prachtvollem Weibtum, konnte ich doch beobachten, während die andern dafür-offenbar

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