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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1917-01-01 · 20 (1917) · p. Seite 200

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
20 (1917)
Article
Mirele
Date
1917-01-01
Page
Seite 200 (sequence 30)
Language
German
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IRI
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200 der Ebene so merkwürdig breiten Sonnenuntergänge, färbten sie auch die Landschaft mit roten und blauen Lichtern... es war immerhin ein Scheiden, ein Scheiden in Schönheit allerdings! Neben der üblichen Unterhaltung hatte sich jetzt, wo man schon die Windlichter auf den Tisch stellte, um das früh hereinbrechende Dunkel zu erhellen, die Gewohnheit eingestellt, hie und da etwas vorzulesen. Die Anregung dazu hatte Gras von Räuden gegeben. Eines Abends zog er einen Band Göthe hervor und las mit leidenschaftlichem Pathos: „Der Gott und die Bajadere". Als er geendet, sahen die Anwesenden schweigend in die Nacht hinaus, keine lauten Beifallsäußerungen folgten dem meisterhaften Vortrag, bis nach einigen Minuten der als etwas frivol bekannte Oberingenieur Krause halblaut sagte: „schade um das Mädchen", und damit die Stimmung plötzlich zerriß. Laut aufschluchzend stürzte bei diesen Worten Mirele durch die vordere Haustür hinaus nach dem Garten, und als ich ihr nacheilte, sah ich sie im Gebüsch am Bächleiü verschwinden Ein Gefühl von Furcht beschlich mich und ich kehrte nach der Veranda zurück. Dort hatte sich aber die Gesellschaft bereits entfernt und ich erkannte im nächtlichen Dunkel noch die Gestalt des jungen Grafen der Landstraße zuschreitend. Am andern Morgen schien die abendliche Szene vergessen. Man ging seinen gewohnten Beschäftigungen nach, oder seinem wohlgepflegten Nichtstuns und als ich in der Mittagsstunde von einem Waldspaziergang zurück kam, traf ich Mirele, mit einem Kranz aus Heidekraut im Haar und froh verklärtem Antlitz. Nichts von der Erregung des gestrigen Abends war ihr anzumerken. Nur war sie mir niemals so schön und anmutsreich, beinahe selbstbewußt erschienen. Sie, die sonst meist gedrückt und scheu aussah. „Kommst Du mit baden?" rief sie mir zu. Die Sonne stand im Zenith und brannte glühend heiß hernieder. Ein Bad mußte köstlich sein in dieser Stunde.

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