Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 199 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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199 so romantischen Sommersonntag-Nachmittag auf dem Lande zu erleben, mit Gedichten im Grünen, und Bachesrauschen, mit kühlendem Naß auf heißen Stirnen, dazu ein Graf, ein schönes Judenmädchen und ich . . . besser konnte man es sich gar nicht wünschen für die Reiseeindrücke und Erlebnisse unserer Kriegsflüchtlingsfahrt. Er aber blieb ganz gleichmütig, dieser Graf Botho von Räuden, und liebenswürdig-scherzhaft sagte er: „Pardon, meine Damen für meinen Übermut, es war ja nur eine kleine Erfrischung, Fräulein Miranda " Ich hatte diesen Namen zum ersten Male gehört. Ausgesprochen mit einer geheimnisvollen Betonung. Am Abend aber verlangte Mirele durchaus von mir zu wissen, was ein „Hymnus" sei. Unmerklich beinahe verrann die Zeit. Etwas Mattigkeit schien manchmal über dem Sonnendasein dort sich auszubreiten. Aber es war nur die Mattheit des fortgesetzten Genießens und ich dachte manchmal an das Göthe'scheWort: „Es ist nichts schwerer zu ertragen als eine Reihe von schönen Tagen." Wahrlich, daran fehlte es nicht, und doch der Übermut flaute ab, ohne daß man wußte warum Vielleicht auch lag es an der rastlos eifernden Sommerglut, die selbst des Nachts keine Abkühlung zuließ und lastend auf Geist und Körper ruhte. Aber das Fortschreiten der Tage zeigte sich doch im Einbringen der Ernte, im Beginnen des Ausgrabens bei den Hackfrüchten und der stellenweifen Bearbeitung der Felder für die Wintersaat. Das Getreide harrte in den übervollen Scheunen des Drusches, die neuen Kartoffeln kamen vorläufig noch als Delikatesse auf den Tisch, Rettiche, Radieschen und Rüben gruben wir selbst mit aus, und mit Interesse beobachteten wir die Ackerbestellung. In allem Sonnenglanz machte sich doch das Herannahen des Herbstes bemerkbar. Wie leises Ahnen zog es durch die Herzen und besonders fühlbar machte sich diese Stimmung in den früh hereinbrechenden Abenden. Kam auch die Dämmerung mit dem Goldglanz der in