Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 198 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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198 tretend, Mirele das Buch aus der Hand nahm? Ihre heißen Blicke hatten ihn wohl doch hergezaubert diesen Jüngling, der ohne etwas zu sagen anhub: „Selig durch die Liebe Götter — durch die Liebe Menschen, Göttern gleich! Liebe macht den Himmel Himmlischer — die Erde Zu dem Himmelreich." „Ist Ihnen dieses Gedicht „Der Triumph der Liebe" bekannt, meine jungen Damen? Es ist eines der schönsten Schiller'schen Gedichte, ein Hymnus auf die Liebe," und dann las er, ohne unsere Antwort abzuwarten. das ganze Gedicht mit einem schmeichelnden Ton und einer begeisternden Innigkeit. Als er an die Stelle kam: „Liebe rauscht der Silberbach, Liebe lehrt ihn sanfter wallen, Seele haucht sie in das Ach Klagenreicher Nachtigallen — Liebe, Liebe lispelt nur Auf der Laute der Natur" neigte er sich herab zum rauschenden Bächlein und mit seiner Rechten eine Hand klaren Wassers schöpfend, spritzte er es uns ins Antlitz. Ich fuhr mit natürlichem Aufschrei empor, Mirele aber preßte das Gesicht fest in die Hände, als wollte sie die Tropfen dort festhalten und so verblieb sie, bis er zu Ende gelesen hatte, jetzt mit ruhigem, fast monotonem Tonfall, bis er an den Schluß kam, der wie ein prophetischer Ausruf ertönte: „Liebe macht den Himmel Himmlischer — die Erde Zu dem Himmelreich." Die Tropfen aus dem Silberbach hatten sich inzwischen unter Mireles Händen zu Tropfen verwandelt, die aus ihren Augen quollen, die, in Verzückung aufleuchtend, sich auf den Vorlesenden hefteten, während ich, ohne mir über die Situation damals im entferntesten Rechenschaft geben zu können, es sehr hübsch fand, einen