Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 197 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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197 Komm', Juleck, wir wollen lieber Haselnüsse suchen!" Dieser sprang bereitwillig auf, steckte seine Formeln und Abhandlungen in die Tasche und im Nu waren beide in den Büschen verschwunden, aus denen ihr fröhliches Lachen zu uns herüber klang. „Was lest Du?" fragte mich Mirele. „Die Leute von Seldwilla, und Du?" „Schillerns Gedichte." „Möchtest Du mir etwas vorlesen?" Gegen ihre sonstige Scheu blätterte sie in dem Buche, offenbar nach einem Gedicht suchend, das ihr besonders gefiel und das sie geläufig lesen konnte und begann: „Willkommen schöner Jüngling! Du Wonne der Natur! Mit deinem Blumenkörbchen Willkommen aus der Flur! Ei, ei! da bist ja wieder! Und bist so lieb und schön! Und freu'n wir uns so herzlich Entgegen dir zu geh'n!" ... Es war eigentümlich wie „lieb und schön", ohne jedes falsche Pathos sie das Gedicht las und am Schluffe, die Stimme hebend, ausrief: „Willkommen schöner Jüngling Du Wonne der Natur! Mit deinem Blumenkörbchen Willkommen auf der Flur!" Jubelnd verklangen die letzten Worte und ihre sehnsüchtig brennenden Blicke bohrten sich in das Gebüsch, als erwarte sie, dort den Jüngling heraustreten zu sehen. Aber nichts regte sich rings umher, und plötzlich ihre Verträumtheit abschüttelnd, wendete sie sich mir zu: „Scham! wos?" Ich hielt mir die Ohren zu, so schrill und häßlich zerriß diese Frage die Stimmung und ich empfand plötzlich den Jargon als etwas durchaus abstoßendes, fremdes. Ob es dem im Laubwerk lauschenden Hörer auch so erging, der jetzt, aus dem dichten Gehölz hervor-