Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 196 (sequence 26)
- Language
- German
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— 196 an ihren Festtagen! Der „Schabbes" war ihnen wohlbekannt und sympathisch mit seiner Weihe und Würde, mit seinen Fischen und Barches und gar mit seinem Schalent. Der lange Sommerfasttag Schiwo ossor be Tamus und seine Bedeutung interessierte sie lebhaft, und sie wußten um Roschhaschana und Jom Kippur, um Sukkoth und Simchas Thora. Sie ließen sich mit Vorliebe die Gebräuche erklären und gottesdienstlichen Handlungen, und von ihrer Zeiteinteilung für die Beendigung der Erdarbeiten für den Bahnbau, die im Spätherbst fertiggestellt sein sollten, sagten sie nicht: „Mitte September", sondern: „ungefähr bis Sukkes müssen wir fertig fein". Auch viele Ausdrücke des Jargons waren ihnen geläufig, was aus ihren Verkehr mit den jüdischen Leuten, die sie vielfach brauchten, sich ergab. Es war ein herzlicher Ton in ihren Beziehungen zum weißen Hause. Sie respektierten Reb Meyerl und seine königliche Haltung, sie waren geschäftsfreundlich mit den Männern, galant mit den Frauen, kameradschaftlich mit der Jugend. Intim sogar. Besonders der junge Graf Botho von Räuden. Wie sehr zeigte die Geschichte von „Mirele". An einem heißen Sonntagsnachmittag, wo an allen Fenstern die Vorhänge dicht zugezogen waren und in allen Häuslichkeiten der Nachmittagsruhe mit breiter Behaglichkeit gehuldigt wurde, vom Schläfchen Reb Meyerls an, bis zu den jüngsten Sprößlingen des Ahnenschlosses herab, saßen wir am Rande des Baches unter den Haselnußsträuchern. Mirele, meine Schwester, der Student aus Riga und ich. Wir waren alle mit Büchern versehen. Mirele mit ihrem geliebten Schiller, ich las Gottfried Kellers „Leute von Seldwilla", Hedwig begeisterte sich für die damalige „Goldelse", und der zukünftige Chemiker und wirkliche dereinstige Begründer der großen Cementwerke Wysoka vertiefte sich in die chemischen Formeln über die qualitative Analyse und die Grundgesetze der theoretischen Chemie. Plötzlich warf meine Schwester das Buch fort und rief: „Ach, diese Goldelse ist auch langweilig mit ihrem ewigen Johannes!