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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1917-01-01 · 20 (1917) · p. Seite 195

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
20 (1917)
Article
Mirele
Date
1917-01-01
Page
Seite 195 (sequence 25)
Language
German
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195 Als ich die Veranda, die jetzt völlig in Dunkel gehüllt war, als letzte verließ, um in unser Gastzimmer nach oben zu gehen, hörte ich ein leises Schluchzen. Es war Mirele, in einer Ecke kauernd. Bei meiner Annäherung huschte sie schattengleich davon. Und dann war es mir, als käme von fern her, wie von leichtem Windhauch getragen, ein Ruf: „Mirele!" Ruhig ging die Zeit dahin im Gleichmaß reizvollsten Wohllebens, sonnenheller Tage, mondbeglänzter Nächte, eines Sommerlebens, wie man es nur auf dem Lande kennt, der Natur ganz nahe, in ununterbrochenem Zusammenhang mit ihr. Ganz eingesponnen in ihren Zauber, jeder Atemzug erfüllt von ihrem Odem, jeder Gedanke versenkt in die Wunder, die sie vor dem staunenden Blick ausbreitet, im Wachsen und Gedeihen, in Blüte und Frucht, in Saat und Ernte, im Werden und — Vergehen! Was sahen und lernten wir alles, wovon wir bisher keine Ahnung hatten. Das Unscheinbarste bekam Bedeutung. Jeder Grashalm, jedes Blümchen, jeder Strauch! Dann die Ähren auf dem Felde in ihrer Verschiedenheit; das Getreide, das eben eingebracht wurde, und sonst so vielerlei, was man kaum dem Namen nach kennt, nicht nach Entstehungsart und Entwicklung. Ich weiß es heute, wie viel an Nachdenklichkeit und Verständnis diese Zeit in uns in jeder Hinsicht weckte. Nie hätte ich von unfern Glaubensgenossen so viel gewußt, nie ihr innerstes Wesen so verstanden, wenn ich sie nur im Umkreis der uns sonst umgebenden Welt gekannt hätte. Zum Erkennen gehört mehr. Nie wäre mir die Gegensätzlichkeit zwischen Ost- und Westjuden so klar geworden. Nie, was sie trennt von andern, trennt im Glauben, in Sitten und Formen, in Weltanschauung und Begriffen, trennt — und doch geheimnisvoll bindet, im letzten, iin Urgründe alles Lebendigen. Die christlichen Ingenieure dort inmitten der Juden auf dem Lande! Gesellig, liebenswürdig, chevaleresk, freundschaftlich. Vertraulich könnte man sagen, mit einer halb neugierigen, halb verwunderten Teilnahme, selbst 13*

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