Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3111067-3111106-3117197--5651-3117417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
194 — essantes, Eigentümliches und Fremdartiges anregend, daß man diesen Abendunterhaltungen am Teetisch schon während des ganzen Tages mit froher Erwartung entgegensah. Die Herren sprachen und diskutierten, wir andern hörten zu, blickten in eine ganz neuartige Welt. Eines Abends wurde eine gemeinsame Fahrt nach Czenstochäu beschlossen. An einem der großen Wallfahrtstage Ende August oder Anfangs September wollten die Ingenieure mit uns hinüberfahren. Der Riegenser Studiosus und ein Warschauer Gymnasiast sollten die Führer durch die Stadt und hinauf den Berg zur Kirche, die jassna gura, machen. Die kannten das alles genau und es traf sich Prächtig, daß sie zu den Ferien daheim waren. Man machte allerhand Vorschläge, ob wir als Zuschauer dabei sein sollten oder uns unter die Wallfahrer mischen, die Kirche betreten, die Beichte ablegen sollten und was der übermütigen Scherze mehr waren. Nur einer unter uns verhielt sich still. Es war der junge Graf von Räuden, der, wie ich dann später erfuhr, Katholik war. Mirele, schweigsam wie immer, sobald die fremden Herren kamen, sah ihn unverwandt an mit brennenden Blicken, die im nächtlichen Dunkel aufblitzten. Plötzlich, mitten in das lustige Gelächter hinein, ertönte die Stimme Reb Meyerls: „Ot's mer ä gütte Nacht, Kinder! Gute Nacht, meine Herren!" Er hatte sich erhoben und schritt hochaufgerichtet zur Flurtür hinaus. Offenbar hatten ihn das Witzeln und Schwatzen über religiöse Dinge verletzt. Und ohne eine Bemerkung und EinsprachelösteerdieVersammlungaus. JnsouveränerHaltung. Niemand sprach mehr ein Wort. Man erhob sich und ging entnüchtert auseinander. In mir klang es nach: „Ot's mer ä gütte Nacht!" Reb Meyerl, der überhaupt sich meistens nur zuhörend verhielt, hatte in Gegenwart der Fremden niemals im Jargon gesprochen. Wollte er damit seine uneingeschränkte Herrschaft auf diesem Boden bekunden? Sollte es der Familie ein Wahrzeichen sein: „Ich bin ich! Und dulde nichts, was taktlos und überheblich sich unter meinem Dache regt!" Wer weiß?!