Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 193 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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193 leicht aber träumte der und jener jiddisch von den Arbeiten und Profiten der nächsten Wochen. Auf dem Tische der mit leckerem Backwerk besetzt war, unter dem sich „mürbe Küchelchen" und „süße Eierschaumplätzchen" einer besondern Beliebtheit erfreuten, dampfte der Samovar. Und Reb Meyerl dampfte aus seinem Szepter, und die Herren rauchten Zigarren und die zur Zeit in Aufnahme kommenden Zigaretten, und die Frauen und Mädchen kredenzten den Tee und — kokettierten. Das war ihnen allen angeboren, beinahe eine nationale Gesellschaftsform der Polinnen. Bei den Jüdinnen, die in sich beides vereinten, das polnische und das jüdische, zu hervorragender Intensität gesteigert. Es war wirklich ein Genuß, zu beobachten, wie Alles in ihnen emporblühte, wenn ein Mann sich nahte. Mit Augen und Händen und den geschmeidigen, hingebungsvollen Bewegungen der Geberdensprache, mit ihrem Lächeln und ihren tiefen Blicken gaben sie immer zu erkennen, wie sehr die Bewunderung der Männer sie beglücke. Alle, die jungen und auch die älteren, bemühten sich darum. Auch Mirele war davon nicht frei. Es war besonders die Sprache der Augen, der sie sich bediente, ' wenn sie von ihrem Platze, wo sie wie zusammengeduckt saß, die Blicke umherwandern, oder gar festhaften ließ an einem. Dieser eine war ein junger schlesischer Adliger. Graf von Räuden, als Volontair zu praktischer Ausbildung den Ingenieuren beigestellt, die dort den eisernen Schienenstrang anlegten, der die weltumspannenden Bahnlinien erweitern sollte, die zwischen Ost und West sich ausdehnten. Die Gespräche bewegten sich um die Politik, den Krieg und den Friedensschluß, die Verhältnisse der Provinz, die Ambitionen und die zeitweilige Resignation der Kongreßpolen, um Handel und Wandel in dieser Gegend, um die schwarze Mutter Gottes in dem nahegelegenen Czenstochau, um die endlosen, gewaltigen Wallfahrten nach dort, den Einfluß der Geistlichkeit auf die sonst indolente Bevölkerung und ähnliche Fragen. Bei den norddeutschen Ingenieuren und uns Sommergästen von der schlesischen Grenze so viel Neues und Jnter- 13