Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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192 ein sehr zufriedenes Gepräge. „Verdienen" war ein Wort, das dort groß geschrieben wurde, und man merkte ihnen die Behaglichkeit und Befriedigung an, die das Bewußtsein, gute Geschäfte zu machen, ihnen gab. Jeder suchte davon zu profitieren, und selbst Reb Meyerl war dabei beteiligt. Er hatte auf Anraten seines Sohnes in Warschau, zusammen mit den unten im Dorfe wohnenden, die Fuhren für die Kieslieferungen übernommen. Und da er sowohl wie Samuel — Schmul genannt — die Bauern in den umliegenden Ortschaften, und jedes Pferd, das sie im Stalle hatten, genau kannten, so wurde es ihnen leicht, die erforderlichen Gespanne zusammenzustellen und mit gutem Gewinn der Bauverwaltung zur Verfügung zu halten. Reb Meyerl selbst hatte damit nicht viel zu tun und brauchte sich der Würde seines liebenswerten Nichtstuns dabei nicht zu entäußern. Der rührige Schmul besorgte den Außendienst, die Herbeischaffung der Pferde, und Malli führte die Bücher und machte die Berechnungen, ohne weitere kaufmännische Komplikationen, einfach aber richtig, mit dem betriebsamen Sinn, den die Juden dieser Landstriche alle besaßen. Auch die Jüdinnen. Nur eine schien von diesem ganzen Treiben wenig zu verstehen. Mirele! Sie war allerdings immer anwesend, wenn der Abend die Hausgeüossen vereinigte, aber sitz träumte in die blaue Nacht hinaus, achtete nicht auf die geschäftigen Gespräche der andern, die sich lebhaft über die Ereignisse des Tages unterhielten, sondern dachte wohl an die Gedichte, die sie tagsüber verstohlen unterm Haselnußstrauch oder Hollunderbaum gelesen. Da die Familien-Unterhaltung zumeist im Jargon geführt wurde, mit der eigenartigen, von Gestikulationen begleiteten, nachdrücklichen Ausdrucksweise dieses Sprachgemisches, und Mirele einmal auf eine an sie gerichtete Frage erschreckt aus ihren Träumereien auffuhr und ausrief: „Efscher lost ihr mer in Ruh, nix weiß ich, wo Schmül hat seine Pferd", da dachte ich mir: sie spricht jiddisch und träumt deutsch. Im Augenblick aber, wo die Herren vom Bau sich an dem gastlichen Tisch einfanden, da sprachen sie alle deutsch, viel-