Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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186 merkwürdiges in diesem polnischen Judenmädchen. Jüdische Art war ihr angeboren und anerzogen. Der Grundton des Hauses, in dem sie lebte, auch dort, wo schon andere Lebensformen bekannt und sichtbar wurden. Sie aber hatte eine unverkennbare Vorliebe für das Fremde, obwohl es an sie kaum herantrat. Denn neben den Töchtern und Enkelinnen im Hause fiel ihr ja doch, wenn auch absichtslos, die Rolle der armen Waise zu, die die Wohltat der Familie genoß. Und wenn auch Reb Meyerl keinen Unterschied machte zwischen ihr und den andern, sondern im Gegenteil streng darauf bedacht war, sie seinen eigenen Kindern gleichzuhalten, so machten sich Unterschiede unwillkürlich geltend. Schon in der übergroßen Zärtlichkeit und Zusammengehörigkeit der Blutsverwandten untereinander. Die stritten miteinander und regten sich auf und beneideten sich, aber sie bewunderten sich mit der gleichen Leidenschaft und vertrugen sich wieder und einer für alle und alle gegen einen, erfüllt von der tief wurzelnden Liebe und Hilfsbereitschaft jüdischen Familienlebens. Und Mirele war mitten drin, und Mirele stand dennoch abseits. Wer war Mirele? Das war nicht zu ergründen. Außer Reb Meyerl schien niemand näheres zu wissen. Auf meine wiederholten Versuche, darüber etwas zu erfahren, erhielt ich von den verschiedensten Seiten fast immer die gleichlautende Antwort: „Mirele? Wer soll sie sein? Sie ist eben Mirele! Sie stammt aus der Mischpoche. Wie sie heißt? Wie soll sie heißen? Sie heißt doch Mirele I" An Reb Meyerl wagte sich meine Neugier oder Wißbegier nicht heran. Mein Respekt und meine Ehrfurcht für ihn waren zu groß und so mußte ich mich schließlich begnügen, aus den vertraulichen Mitteilungen eines Enkelsohnes zu erfahren, daß der Großvater niemals über Mireles Herkunft spricht. Fest steht nur, daß sie das Kind einer fremden Person ist, die eines Tages sich totkrank in das weiße Haus schleppte, dort einem Mädchen das Leben gab und bald darauf starb. Das Neugeborene wurde dann von einer der Töchter, die gerade ebenfalls geboren hatte, mit genährt. Geburten