Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 184 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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184 Sie blickte erschreckt aus. „Uso, Du bist es?" rief sie aus. „Spaß, bin ich erschrocken!" „Was liest Du hier?" deutete ich aus das Buch in ihrer Hand. Sie blickte hinein und buchstabierte: „Das E ... lu ... el... usische Fest". „Das „Eleusische Fest" heiß es, Mirele!" „Warum?" „Ja, so heißt es eben —!" „Du, und was ist das Ky ... Chanen?" „Das sind Kornblumen, Mirele!" „Warum sagt Schiller da nicht lieber: „Flechtet auch blaue Kornblumen hinein...?" „Weil das nicht ins Versmaß Paßt!" „Wie heißt Versmaß?" — „Das kann ich Dir nicht sofort erklären. Darüber sprechen wir ein ander Mal. Jetzt sollstDu schnell kommen, Leibele Taucher ist da und hat sehr schöne Sachen mitgebracht aus Kattowitz und Beuthen, da sollst Du Dir was aussuchen!" Sie sprang wie elektrisiert auf. Ihre Augen blitzten und hastig das Buch im Gesträuch verbergend, rief sie fröhlich aus: „Scheue Sachen?! Auch für mich eppes? Hast Du nich gesehen, ob er ä weißen Schleier hat? So ä langen Weißen? Zum Nmbinden, oder um' Kopp zu wickeln?" „Ich habe mir noch nichts angesehen. Ich bin fortgelaufen, um Dich zu holen." Wir gingen eiligen Schrittes vorwärts. Plötzlich blieb sie stehen und mit einer hellen Stimme, in jubilierendem Pathos deklamierte sie: „Flechtet auch blaue Chanen hinein! Freude soll jedes Auge verklären, Denn die Königin ziehet ein!" Was in diesem weichen/ vollen Organ, in diesem hinreißenden Pathos des armen verwaisten Judenmädchens steckte, habe ich lange Jahre nachher erst begriffen. Mirele aber wählte, als wir vor Leibeles Toilettenherrlichkeiten standen, einen weißen spanischen Schal.