Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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182 lichem Geblüh, das wuchs und gedieh ohne sonderliche gärtnerische Pflege. Der alte Herr sah durch das Fenster, das in die Veranda ging, auf die dort ausgestellten Waren Leibeles, lächelte jovial, schob das Käppchen aus der Stirn, schüttelte, wie es seine Gewohnheit war, mehrmals den Kopf, halb zweifelnd, halb zustimmend, und den Fensterflügel öffnend, rief er hinaus: „Wo is Mirele?" Mit dieser Kopfbewegung gab er Zumeist seiner Meinung Nachdruck ohne viele Worte, und man wußte aus diesen Bewegungen allemal seinen Standpunkt zu deuten und wie er über die verschiedenen Dinge dachte, die sich in seiner Umgebung abspielten. Das Fenster wieder schließend, wiederholte er nochmals: „Wo ist Mirele?" Ja, wo ist Mirele? „Der Tate meint, sie soll dabei sein, wenn man Leib Sauchers Sechaure— Waren — bewundert, efscher gefallt ihr auch eppes" — sagte Sprinze Sie sprachen, wenn sie unter sich waren und besonders im Verkehr mit den herumziehenden Händlern, die in dem einsam stehenden Haus ihre verschiedenen Handelsartikel anboten, im Jargon, sonst aber beherrschten sie alle, die deutsche Sprache vollkommen und selbstverständlich das eleganteste Polnisch, ihre Muttersprache, soweit sie sich nicht nur als Juden, sondern als Nätionalpolen, oder wie es damals hieß, als Kongreßpolen fühlten. Besonders stark und mit betontem patriotischem Hochgefühl war dies bei der jüngeren Generation der Fall. Die Enkelsöhne, die meist schon in Warschau studierten, von denen einige sogar auf preußischen Gymnasien ihre Schulbildung genossen, die jungen Mädchen, die in Breslau und eines in der Schweiz in Pension waren, sie alle pflegten das den Polen eigentümliche Sprachtalent, sprachen deutsch, wenn auch mit leichtem Accent, französisch glatt und fließend, vor allem aber polnisch, wie jetzt, wo sie in den Sommerferien alle im „Ahnenschloß" sich zusammensanden.