Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 181 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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181 amüsieren. Heute hat das lachende Auge sich in das weinende verwandelt, wenn man an sie denkt. Von der Tragikomödie ist nur die Tragödie geblieben! Manch' einen kannte ich persönlich von diesen Menschen. Der eine hieß Leibele Taucher und hielt jeden Freitag Einkehr im weißen Hause, wenn er von seinen Handelsgängen sich zurück nach Krumelow schleppte. Der schwere Riesenpacken war dann zwar leer, nur einige Toilettengegenstände barg er, aber die müden Füße wollten nicht mehr recht fort nach der Wochenwanderung, und wenn der Gedanke an den Sabbatabend nicht seine Schritte beflügelt hätte, wäre er am Ende gar nicht vorwärts gekommen. Auf meine Frage, was Leibele Saucher heiße, erklärte mir Reb Meyerl, und ein liebenswürdig ironisches Lächeln umspielte seinen Mund, das heißt: „Leopold, der Großkaufmann". Und auf mein stummes Erstaunen eingehend, fügte er hinzu: „Leopold würde er heißen, wenn er über der Grenze wohnen würde, so bei euch da herüm... und Saucher is ä Kaufmann, und da Leibele immer ä por feine, schöne Sachen mitbringt von seine Reisen, is er ä Großkaufmann. Denk' nur an die seid'ne Schürz, die Mali vorige Woche gekauft hat bei ihm, und die Spitzenmantille, die Löwenstein für seine Frau bestellt hat, wenn er mal eine gut und billig wo äher kriegen kann. Er werd' schon, er werd' schon, er bekümmt alles äher... dafor is er ä Großkaufmann" ... Ich glaube, ich flng an, den tiefen Sinn dieser Erklärung zu verstehen, wenn auch nicht ganz. Aber am nächsten Freitag, als er gegen Mittag ankam, hatte ich es begriffen. Da standen draußen in der Veranda, die, durch die Flurtür getrennt, zu beiden Seiten des Hauses sich hinzog, die weiblichen Familienmitglieder um einen Tisch, aus dem Leibele Saucher seine dieswöchentlichen Herrlichkeiten ausgebreitet hatte. Es war die Veranda auf Meyer Mendelsohns Seite. Ebenerdig, so daß man von der Straße aus direkt in die sommerlichen Vorbauten gelangte. Diese waren von wildem Wein, Bohnenlaub, gelbe Kressen und Fuchsien umgeben, länd-