Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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180 am Freitag, wo sie zum Schabbes von ihren Geschäftstouren zurückkamen, sah man sie in Scharen, freudiger, elastischer, wie befreit von der Bürde der Woche ausschreiten, den Freuden des Sabbats entgegen und der lange, staubige, sonnige Weg auf der Landstraße mochte, ihnen leichter werden, wenn sie vielleicht das: „Lecho Daudi" vor sich hinsummten. Welch' unerschöpfliche Fragen, welch' unlösbare ' Probleme weckt dieses Judenleben heute in mir, das ich damals ahnungslos an uns vorüberziehen sah, mit der Neugier der Jugend, die solche Bilder und Zustände als Unbekanntes auf sich wirken fühlt, ohne die tieferen Ursachen ergründen zu können oder zu wollen. Glückliche Jugend! Wer heute den Judenschmerz erlebt wie ich, der weiß, das aus diesen Urtiefen moralischer Verkommenheit, die dieses ganze Land vergiftet, und die jüdische Bevölkerung gewaltsam hineingezwängt wird, kein Hoffnungsreislein sprießen kann. Was damals den jungen Seelen ein Schauspiel schien, ist in den nachdenklichen Zeiten des Grübelns, des Erwägens zur gewaltigsten Tragödie aller Völker geworden, unseres Volkes! Wohin mit ihnen, die auf jenen Stätten leben, für sie auch heute Stätten des Jammers, neben dem Reichtum, der allgemach sich dort entfaltete, heute wie dazumal? Auf jenen Stätten, die ich im Schimmer heiterster Jugend sah, in Sommertagen voll Licht und Luft und Eigenart, und die jetzt der Schauplatz furchtbarster Judennot, unermeßlichsten Kriegselends sind... Wohin? Auch in die Erinnerungest dieser glücklichen, sonnigen Tage, von denen ich erzählen will, drängt sich diese schmerzvoll bange Frage, die uns heute alle erfüllt. Wohin mit den Millionen dieser Unglücklichen, die unseres Glaubens sind? Wie anders schienen sie damals. Der Humor umspielte ihr Dasein und in all' der Bedrängnis, in der sie existierten, vegetierten, konnte man sie mit lachendem Auge betrachten, denn sie empfanden die Härte ihrer Daseinsbedingungen kaum, und wer Sinn für Komik hatte, durfte sich über diese Erscheinungen