Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 9)
- Language
- German
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— 179 - Gegenden die Eisenbahn erreichen wollte, mußte an dem Hause vorbei. Das bot vielerlei Abwechslung. Die Landstraße war immer belebt. Da jagten elegante Gespanne vorüber, besetzt mit fein und modern gekleideten Frauen und stolz aussehenden Männern, Besitzern der großen Güter und Herrensitze rings um. Sie winkten hinüber zu Reb Meier, äußerlich liebenswürdig, innerlich gewiß hochsahrend, wenn sie ihn vor der Tür seines Hauses sitzen sahen, aus seinem langen Szepter die Rauchwölkchen in die Luft emporstiegen und er höflich die seidene Krone zum Gegengruß lüftete. Jedermann in der Gegend kannte ihn und manchmal hielt sogar der Wagen des Natschelnik powiatu, des Bezirks - Hauptmanns, vor der Tür. Den sah man schon von weitem ankommen, da hoben die Tanten, die aus verschiedenen Fenstern lugten, die Hände in die Höhe und riefen: „Gocie jada" — Gäste kommen. Durch diese Bewegung strömte das Blut zurück, und als der hochangesehene Gast über die Schwelle schritt, waren sie weiß wie dieHände von Edelfräuleins.' Es kamen in leichten Wägelchen Bauern zur Station, die ihre Bodenprodukte zum Verkauf aus die Märkte der an der Grenze gelegenen Ortschaften brachten, von wo sie, wohl nicht immer in ganz einwandfreier Weise, über die Grenze ins Oberschlesische geschafft wurden. Ganz besonders der Eierhandel gedieh in dieser Form, und die damalige große Billigkeit der Lebensmittel in den volkreichen Gegenden der Eisen- und Kohlenbezirke, die selbst nichts boten als dürres Kartoffelland, ist wohl auf jenen Geschäftsbetrieb zurückzuführen. Wie weit die Juden an diesen Manipulationen beteiligt waren, ist kaum festzustellen, aber warum sollten diese ärmlichsten der Armen vor der Moral der russischen Behörden Respekt haben, dort, wo das lapowka— das Trinkgeld — und die Bestechlichkeit beinahe Ehrensache war — ist. Jedenfalls zogen viele Juden die Straße entlang, mühselig mit dem schweren Packen beladen, im frühesten Morgengrauen, wo alles noch schlief im weißen Hause, aber auch tagsüber im heißesten Sonnenbrand. Heimwärts aber 12*