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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1917-01-01 · 20 (1917) · p. Seite 176

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
20 (1917)
Article
Mirele
Date
1917-01-01
Page
Seite 176 (sequence 6)
Language
German
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Wir aber wurden eingeladen, da wir nun einmal da waren, den Sommer über zu bleiben. Meine Mutter nahm das Anerbieten für uns gern an, und reiste allein zurück mit dem Versprechen, uns nach einigen Wochen wieder abzuholen. Und so lernten wir russisch-polnisches Leben auf dem Lande kennen, das uns Stadtkindern täglich Neues, Amüsantes, Unterhaltendes bot und eine Fülle von Anregungen, deren ich mir jetzt, in Erinnerungen und Rückblicken, erst in seiner interessanten Eigenart ganz bewußt werde. Schon das weiße Haus! Acht Töchter undzwei Söhne bildeten die Nachkommenschaft Meier Mendelsohns. Dazu kamen zwei verwaiste Nichten, die er bei sich ausgenommen, und ein Mädchen, überdessen Ursprun'g ein geheimnisvolles Dunkel schwebte. Dann der übrige Anhang, der dort, jahrein, jahraus in wechselnden Erscheinungen auftauchte. Die Staffage der „Orchim" und „Schnorrer" fehlte natürlich auch nicht. Im Hause war immer höchstes Leben. Unter den Enkeln, Heranwachsende Mädchen, mit denen wir rasch Freundschaft schloffen, Knaben, die von den Schulen aus Warschau und Czenstochau als Feriengäste anlangten, Kinder aller Altersklassen, unter denen sogar ein neugeborenes Zwillingspaar nicht fehlte, das wir mit staunender Neugier beobachteten. Zwei Babys, schwarz, und blondlockig, ganz Putzige Dingerchen. Das gab nun zu tausend netten Späßen Veranlassung, und unter dem Eindruck einer steten Fröhlichkeit stand Alles. Man lachte, man scherzte, man neckte sich, man lachte wieder und nochmals, ohne recht zu wissen, warum. Die verheirateten Schwestern und Tanten zankten, während die Ehemänner unterwegs waren. Uber all' diesem wogenden Familientrubel aber stand die Gestalt des Hausherrn in voller Würde, mit Krone und Szepter und dem unsichtbaren Schwert. Und ein Blick aus seinen gütigen Augen, der nie streng war, aber doch den automatischen Geist verriet, besänftigte die hochgehenden Wogen dieses Lebens; man fühlte, daß eine Ehrfurcht gebietende Persönlichkeit vorhanden war

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