Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Jüdische Kriegsgedanken
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 20)
- Language
- German
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168 Es wird wohl damals viele Deutsche gegeben haben, welche diese Gründung sonderbar anmutete. Denn wenn der alte Grundsatz „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" wahr ist, dann werden auch vor dem Kriege viele Deutsche nicht gerade für russische Kultur sich erwärmt haben. Uns Juden aber wird es gewiß niemand verargen, wenn uns unter den Früchten russischer Kultur als reifste Frucht vor allem das Los unserer in Rußland lebenden Brüder vorschwebt. Was mag wohl aus dieser Gründung geworden sein? Sie wird jedenfalls wie so vieles andere bis auf weiteres auseinandergehen. Sollte sie nach dem Kriege wieder zusammentreten, so würde sie ihre Absichten in ungeahntem Maße ohne ihr Hinzutun gefördert, sehen. Statt der hundert deutschen Männer ist die ganze Ostarmee nach Rußland marschiert, und es können nun Tausende und aber Tausende der Gesellschaft berichten, was sie an Ort und Stelle von russischer Kultur gesehen haben. Da wird so manches Kapitel erzählt und viele Bücher damit gefüllt werden können. Das Kapitel über die dortigen Juden wäre dann gewiß eines der aufschlußreichsten, denn was muß das für eine eigentümliche Kultur sein, wenn sie sich so an den Juden bewährt hat. Es gibt ja für ein Land keinen genaueren Gradmesser der Kultur als den Zustand seiner Juden. Und doch ist es nur eines der vielen Kapitel, von welchen die heimgekehrten Krieger berichten können. Der Zustand der Wege, die Seuchen, die Läuse, Bestechung, Diebstahl und Raub, Korruption von oben bis unten, wie die Bauern im Innern Rußlands wohnen, wie das eigene Land ohne Not verwüstet wird, wie die Ausländer deportiert und ihres Vermögens beraubt werden, die Behandlung der Fremdvölker, wie wir sie oben kennen gelernt haben. Aber selbst wenn alle diese Kapitel und noch viele andere noch so ausführlich behandelt würden, so sind damit noch lange nicht die Früchte alle erschöpft, die die russische Kultur gezeitigt hat, und welche die oben genannte „Gesellschaft" dem deutschen Volke bekannt zu machen sich bestrebte.