Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Jüdische Kriegsgedanken
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 164 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Was aber hat die große Mehrheit, die in der Hand- Rußlands geblieben ist, vom kommenden Frieden zu hoffen? Was erwartet die Ausgetriebenen bei ihrer Rückkehr? Wird man den jüdischen Massen unter die Arme greifen, ich will nicht sagen, um ihre verwüsteten oder niedergebrannten Wohnstätten wiederherzustellen, sondern nur um ihnen die Möglichkeit zu schaffen, für sich und die ihrigen ein Stück Brot zu verdienen? Wenn nicht inzwischen Wunder geschehen, so ist diese Frage zu verneinen. Nach menschlicher Voraussicht wird noch ärger als früher mit ihnen verfahren werden. Neue Einschränkungen werden zu den alten kommen, neue Verschärfungen werden ausgedacht, neue Beschuldigungen ersonnen werden. Die 300000 jüdischen Soldaten, die im russischen Heere mitkämpfen, werden zum Teil gar nicht, zum Teil als Krüppel mit ehrenden Abzeichen ihrer Tapferkeit heimkehren. Was wird ihr Los, was das Los der heil heimgekehrten Soldaten sein? Wir wissen es genau. Schon während der Dauer des Krieges ließ man die Angehörigen nicht nach den Orten reisen und noch weniger da wohnen, wo ihre Verwundeten lagen, ja nicht einmal die Briefe durften befördert werden, die sie miteinander austauschen wollten. Was ihrer nach Friedensschluß wartet, ist danach leicht zu ermessen. Das ist doch wohl der Gipfel der Tragik, sich für ein solches Vaterland zusammenschießen zu lassen. Man soll sich nur nicht mit der Hoffnung schmeicheln, daß irgend eine Klausel im kommenden Friedensvertrage zu Gunsten der jüdischen Untertanen, auch wenn sie von Rußland angenommen werden sollte, im Punkte der dort geführten Judenpolitik auch nur das geringste ändern wird. Nichts in der Welt wird die weitere Durchführung dieses nun schon so viele Jahrzehnte feststehenden Programms aushalten. Wem wird es einfallen, sich „in die inneren Angelegenheiten Rußlands zu mischen"? Man beachte nur die zarte Hand der englischen Diplomatie, die schon im Kriege ihrem „noblen und tapferen Bundesgenossen" im voraus die Versicherung gibt, ihn gewähren