Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Jüdische Kriegsgedanken
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 163 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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163 «allein, um sie von Stufe zu Stufe herabzudrücken, sie geistig zu schädigen und körperlich zu verelenden. Millionen Menschen in Städte sperren, ihnen nicht nur den Besitz von einem Stück Land zu verbieten, sondern das Wohnen auf dem Lande, das Betreten von Dörfern zu verbieten; Luft und Brot, zwei Dinge, die auf der ganzen Welt von den Regierungen wie von den besser Situierten der minder bemittelten Bevölkerung mit Aufbietung aller Kräfte zu verschaffen gesucht werden — diese zwei Dinge ihren jüdischen Untertanen zu entziehen, ist die Aufgabe, welche die russische Regierung sich vor mehreren Jahrzehnten offen und feierlich vor aller Welt gestellt hat und welche sie, man muß es ihr zugestehen, mit großem Verständnis und gründlichster Sachkenntnis durchgeführt hat. Wenn wir in „Rousseau" lesen: „Die Menschen sind -nicht dazu geschaffen, um wie in einem Ameisenhaufen zusammengepfercht zu leben, sondern sollen die Erde füllen und bebauen. Je enger sie zusammen wohnen, desto mehr verderben sie sich. Körperliche Gebrechen sowie geistige Mängel sind die unfehlbare Folge jedes zu zahlreichen Zusammenlebens. Der Mensch ist unter allen lebenden Wesen dasjenige, welches am wenigsten hordenweise zu leben vermag. Menschen, die wie Schafe zusammengepfercht wären, würden in kürzester Zeit zn Grunde gehen. Der Odem des Menschen wirkt tödlich auf seinesgleichen, das ist im eigentlichen Sinne durchaus eben so wahr wie im bildlichen. Nach Verlauf weniger Menschenalter gehen die Stämme unter oder entarten." Mutet uns das nicht an, als hätten dem Verfasser die heutigen großen jüdisch-polnischen Zentren vor Augen gestanden? Eine beträchtliche Anzahl unserer Glaubensgenossen, leider aber doch nur die Minderheit, befindet sich in den den Russen entrissenen Gebieten und wird, so hoffen wir, nach und nach einer besseren Zukunft entgegengeführt werden. 11*