Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Jüdische Kriegsgedanken
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111106-3117196--5618-3117385- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
162 der Gouverneur an irgend einem Ziele ihrer Irrfahrten in sein Gebiet hätte aufnehmen können. So wurden sie von einem Gouvernement ins andere geschickt. Keine mitleidige Hand streckte sich ihnen entgegen, ja, der Labetrunk, den die Hand der Glaubensgenossen ihnen unterwegs in ihre Viehwagen hineinreichen wollte, wurde untersagt. Und was gar die zu Fuß Flüchtenden an Qualen des Hungers, der Kälte, der Ermattung zu leiden hatten, das wird niemals kund werden. „Sie irrten", wie die Bibel erzählt, „in der Ode des Weges, eine bewohnte Stadt fanden sie nicht. Hungernd und durstend verdunkelte sich ihre Seele in ihnen." Vergleicht man das Los dieser Flüchtlinge und das, was sie für ihre Zukunft zu hoffen haben, mit unseren oben geschilderten ostpreußischen, so sieht man, wie auch das Unglück noch seine Abstufungen hat, ja, daß dasselbe, was für den einen Unglück heißt, für den anderen noch den Namen Glück verdienen würde. Russisches. Nach den ersten großen russischen Niederlagen brachten die Zeitungen oft lange Berichte über die Greuel, welche die Russen an ihren jüdischen Landsleuten verübten. Alle insgesamt wurden des Verrats am Vaterlande beschuldigt. Man brauchte eben einen Sündenbock für die eigenen Verschuldungen und konnte dadurch die Ahnungslosen um so leichter nach Herzenslust foltern, hinwürgen, hängen und deportieren. Da bemächtigte sich Aller, die diese Berichte lasen, eine gewaltige Entrüstung. Man entrüstete sich über alle diese Scheußlichkeiten, wie man sich vor dem Kriege über die Pogrome, den Beilisprozeß, die Austreibungen usw. entrüstet hatte. Aber niemand ahnt, daß das alles nicht etwa einzelne zusammenhangslose Verbrechen sind, niemand weiß, daß es nur einzelne Etappen in einem consequent durchgeführten Regierungsprogramm sind. Eigentlich hätten sich die echt russischen Leute diese Aufsehen erregenden Verbrechen ersparen können. Es genügen die seit Jahrzehnten gegen die Juden erlassenen Gesetze und Verordnungen ganz