Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Jüdische Kriegsgedanken
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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158 auf den Kopf gestellt und die Verrücktheit aus den Thron erhoben wird. Alle Tage hört man dasselbe: „Rußland kämpft gegen Deutschland den Kamps für Freiheit und Gerechtigkeit, für Kultur und Sittlichkeit gegen Roheit, Tyrannei, Grausamkeit und Barbarei." Ferner: „Ein raubgieriger Tiger ist dem friedlichen Europa an die Gurgel gesprungen, um zur Weltherrschaft zu gelangen. Wir müssen Europa um jeden Preis aus seinen Krallen retten und es befreien." Die ganze, nun schon mehrere Jahre zurückreichende Einkreisungspolitik, die die ganze Welt gesehen und miterlebt hat, verhindert nicht, daß derselben Welt mit flammender Beredsamkeit täglich verkündet wird: „Wir Haben den Krieg nicht gewollt. Um seinen Ausbruch zu verhindern, ließen wir kein Mittel unversucht; aber der preußische Militarismus, der die friedfertige Welt fortwährend bedroht, hat es anders beschlossen, er muß vertilgt werden, damit Freiheit und Gerechtigkeit und Frieden fortan auf Erden herrschen." Hat doch derselbe edle Lord, der König Eduard aus seinen Einkreisungsreisen begleitete und als sein Ratgeber den englisch-russischen Kontrakt Unterzeichnete, mit dem die antideutsche Koalition der Großmächte ihren Anfang nahm, sich nicht entblödet, in schwungvoller Rede auszurufen: „Der Sturz der Zivilisation und die Vernichtung der Freiheit in Europa ist das ausgesprochene Ziel Deutschlands, das nur zu diesem Zweck den Krieg unternommen hat." Wäre uns nicht in der Bibel, besonders in den Psalmen, die Kunde von einem ganz ähnlichen Lügenfeldzug ausbewahrt, wir könnten leicht glauben, daß es erst der Kultur unserer Tage Vorbehalten war, eine so hohe Stufe der Niedertracht zu erreichen. Aber so wie uns das Schlachtenbild von heute aus unserer Bibel entgegentritt, wie alle unsere heutigen Empfindungen, Gedanken und Stimmungen darin ihren Ausdruck finden, so und noch viel zahlreicher und ausführlicher sehen wir auch darin die den Krieg begleitenden und erschwerenden Lügen und Verleumdungen verzeichnet. Wir müssen uns hier begnügen, nur einiges herauszugreifen aus der Fülle