Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Jüdische Kriegsgedanken
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111106-3117196--5611-3117378- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
155 unzähligen, immer neuen Wendungen wird Frieden als höchste aller Gottesgaben erfleht. Der immerwährende Refrain in so vielen Gebeten lautet: „Der Ewige gibt Macht seinem Volke, der Ewige segnet sein Volk mit Frieden." Unseren Kriegern irn Felde wie uns Daheimgebliebenen wird jetzt dieser Schlußakkord zu einer ganz neuen, himmlischen Verheißung. Lügen. Bei Ausbruch des Krieges, als eine Flut von Lügen und Verleumdungen sich über die Deutschen ergoß, als die Feinde in der Erfindung von Gräueln und Scheußlichkeiten, die sie den Deutschen andichteten, mit einander wetteiferten, als die Presse der ganzen Welt diese Lügen abdruckte, und die Leser dieselben gläubig in sich aufnahmen — da bemächtigte sich der Deutschen ein so überwältigendes Gefühl der Überraschung, des Staunens, daß die Entrüstung anfangs ganz dagegen zurücktrat. Wie ist es möglich, all' das von uns zu sagen und zu glauben? Waren wir denn bis jetzt von der Welt abgeschlossen? Haben nicht Tausende aus allen Ländern fortwährend unter uns gelebt? Haben sie nicht unser Wesen kennen gelernt, ja studiert? Läßt sie ihr Gedächtnis auf einmal im Stich? Ist denn alles weggewischt, was man bisher von Deutschland erfahren, sogar was man persönlich in Deutschland gesehen, miterlebt, gelernt hatte? Dann tröstete man sich mit dem Sprichwort: Lügen haben kurze Beine. Bald wird den Lügenmäulern ihr Handwerk gelegt, die allgemeine Stimmung wird Umschlagen, und schließlich muß. ja doch die Wahrheit die Oberhand gewinnen. So gehaßt zu sein von der ganzen zivilisierten Welt, daß sie mit geringen Ausnahmen alle diese Lügen glaubte, gern glaubte, ja, daß auch die hervorragendsten Dichter und Gelehrten nicht nur in Feindesland, sondern auch im großen befreundeten Amerika und in manchen kleinen neutralen Staaten alle diese Haßgefühle teilten und ihr möglichstes taten, um sie unter ihren Volksgenossen zu verbreiten und zu vertiefen