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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1917-01-01 · 20 (1917) · p. Seite 154

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
20 (1917)
Article
Jüdische Kriegsgedanken
Date
1917-01-01
Page
Seite 154 (sequence 6)
Language
German
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154 und. fühlt, darum kommt unser Gebetbuch auf einmal so ganz unserem Empfinden entgegen. Weil gewöhnlich kein „ich", sondern nur „wir" in unseren Gebeten steht, darum haben wir jetzt das echte Kriegsgebetbuch in Händen, das erst in dieser schweren Zeit manchem Beter ganz verständlich wird. Ja, es wollte wohl Vielen unter uns dieses Einstehen des Einzelnen für Alle, dieses fortwährende Beten für die Gesamtheit gar nicht mehr gefallen, und mit einer Art Neid blickte man auf die Gebete und Lieder in anderen Gotteshäusern. Jetzt auf einmal, angesichts der gemeinsamen Not und Gefahr, ist uns der Sinn dieser Art des Betens aufgegangen, jetzt verstehen wir, was es heißt, Gott nicht nur um's tägliche Brot zu bitten, ihm nicht nur zu danken, daß wir satt geworden sind, sondern ihn vielmehr bitten, daß der Ertrag unseres Landes ausreichen möge, unser Volk vor Hunger zu schützen, daß wir ihm danken für das gute Land, das er uns gegeben, daß wir ihn anflehen, auch in diesem Jahre seinen Segen auf die Oberfläche des Erdreiches zu geben. Auch nicht für die eigne Gesundheit und das eigne Leben betet man, nicht für die Angehörigen, die vielleicht in Wunden schmachten. Nein, man betet: Sende uns deine Heilung und wir werden genesen, gelobt seist du, der die Kranken seines Volkes heilt. Man betet eben jetzt fürs ganze, ebenso wie jetzt jeder lebt und wirkt fürs Ganze. Der Einzelne geht auf im Ganzen. Kein Gebet aber kehrt in unserem Gebetbuch so häufig wieder, wie die Bitte um Frieden. Das höchste Gut des Einzelnen, der Friede der Seele, war jüdisches Gemeingut. Der fromme Jude lebte mit sich selber, mit seiner Familie und mit seinem Gotte in Frieden. Um was er jedoch zu allen Zeiten inbrünstig zu beten hatte, war der Frieden von außen. Wann waren wir denn im Besitze dieses Gutes? Wir zwar, wir haben uns nie gewehrt, weil wir immer wehrlos waren. Aber ließ man uns deshalb in Frieden? Jetzt haben auch diese Gebete einen neuen Sinn bekommen, und wir sind der Mühe überhoben, neue Friedensgebete zu verfassen. In

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