Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Jüdische Kriegsgedanken
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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153 zu beten, und daß ein göttlicher Sänger sie neu für dieses Jahr verfaßt habe. Zu dem alten kam ein neuer Sinn in jedes Wort, jeden Ton. Wie konnte es auch anders sein. Betete man doch als Soldat um sein Leben, als Mutter. Vater, Bruder, Gattin oder Schwester eines Soldaten um das Leben des geliebten Angehörigen, der entweder schon an der Front, oder heute noch in der Synagoge und morgen an der Front sein konnte. Jede Bitte, die in der Schemone Esre, im Owinu Malkenu enthalten, war auf einmal nichts als der Ausdruck der eigenen Gefühle, denen hier Worte der Inbrunst geliehen waren. Unfc mm gar &a§ Unessanne Tokef. Ich überlasse es dem Leser, sich das Gebet selber aufzuschlagen und Satz für Satz zu messen an dem damals alles beherrschenden Gefühl der begeisterten Hingabe an höhere Gewalten. Noch war man ganz berauscht von den ersten gewaltigen Siegen und Ruhmestaten in Ost und West und glaubte, das nächste Jahr die hohen Feste schon nach einem glorreichen Friedensschluß feiern zu können. Was müssen das für Gebete sein, die einer derartig hochgespannten Seelenstimmung in vollem Maße entgegenkamen! Ob wohl die Gebetsliteratur anderer Religionen diesem ähnliches an die Seite stellen kann? Man braucht aber gar nicht auf die Festgebete in ihrem erhabenen Schwung zurückzugreifen, um eine solche an's wunderbare grenzende Eignung für unsere Zeit festzustellen. Die schlichten täglichen Gebete, wiesle unser Gebetbuch jedem Juden in die Hand gibt, weisen das gleiche Wunder auf. Das kommt daher, weil in unserem Gebetbuche dem privaten und persönlichen nur ein kleiner Raum angewiesen ist. Und mit Recht. Wer seine persönlichen Anliegen vor den Herrn bringen will, seine Not klagen, seine Bitte stellen, seinen Dank darbringen will, dem wird sein volles Herz schon die rechten Worte aus die Zunge legen, der kann im stillen Kämmerlein ohne vorgeschriebene Gebete, ja sogar ohne Worte aus seinem Inneren heraus beten. Und darum, weil die heutige Zeit es mit sich bringt, daß jeder das eigene Ich hintansetzt und mit der Gesamtheit lebt, denkt