Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Jüdische Kriegsgedanken
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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152 wehe dem, der aufhäuft, was ihm nicht gehört und der sich aufbürdet Schuldenlast." „Wie ein Garten Eden ist das Land vor ihm, und hinter ihm eine öde Wüste, und auch nichts wird vor ihm entrinnen." „Vorüber ist die Ernte, beendet ist der Sommer, und uns ist nicht geholfen." Nicht nur die Kriegschronik, selbst die Vorgeschichte des Krieges könnte man fast mit Bibelversen schreiben. Da stößt man auf die Verse, die im Lapidarstil die verzweifelten Bemühungen unseres Kaisers, den Ausbruch des Krieges noch im letzten Augenblicke zu verhüten, zusammenzufassen scheinen: „Ich bin für Frieden und ob ich auch rede, sie wollen Krieg," ein andermal auf Stellen, die den Haß, die Feindschaft, das Verschwören der Mächte miteinander schildern, das Land zu umkreisen, zu vernichten, dessen Blüte sie mit Neid erfüllt. „Deine Feinde toben und deine Hasser erheben das Haupt. Gegen dein Volk halten sie listigen Rat und sprechen: Wohlan, laßt uns sie vertilgen, aus mit dem Volke!" Wer kann auf knappem Raum nur den kleinsten Bruchteil von all' den Bibelstellen aufführen, die für uns ein neues Leben gewonnen haben und die Bibel von neuem als ein Literaturdenkmal erweisen, das nie veralten kann. G eb ets lit er atur. Wenige Wochen nach Ausbruch des Krieges kam die Zeit heran, in der wir unsere höchsten Feste feiern, diejenigen Feste, die noch von uns allen heilig gehalten und in ihrem tiefen Sinn und ganzem Umfang mitgefeiert werden. Die Andacht, mit der in den Synagogen die Gebete des Neujahrs- und Versöhnungsfestes gesprochen und gesungen werden, hat etwas so ganz eigenes, einen .so von allem sonstigen Gottesdienst verschiedenen Charakter, daß sie auch den Gedankenlosen auf ihren Schwingen mit sich fortreißt und durch die alten Melodiken wie mit einem Zauberklange die ganze Seele erbeben macht. Im Herbst 1914 aber erwiesen sich diese Gebete in Wort und Klang als ein noch mächtiger wirkendes Wundermittel. Wir glaubten alle, sie zum erstenmal