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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1917-01-01 · 20 (1917) · p. Seite 146

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
20 (1917)
Article
Aus den Jugenderinnerungen Karl Friedrichs von Klöden
Date
1917-01-01
Page
Seite 146 (sequence 9)
Language
German
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146 Außer den Sabbathen und Feiertagen gaben die Begräbmsfeierlichkeiten, Hochzeiten, die Mondscheinandachten usw. so manches zu beobachten und zu denken. Besonders setzte das Versöhnungsfest 0 und die Feier der Zerstörung Jerusalems die Stadt in Bewegung. An beiden Festtagen war der ziemlich lange Weg vom Tore bis zum jüdischen Begräbnisplatze vom frühen Morgen an zu beiden Seiten mit dichten Gruppen jüdischen Bettelvolkes, der sogenannten „Pleiten", besetzt, welche dazu von weit und breit herbeigeströmt waren. Bei jeder Familie befand sich ein großer Hause von Kindern. Der Sage nach waren die meisten derselben unechte Sprößlinge einer jüdischen Mutter von einem christlichen Vater; denn es wurde behauptet, daß, wenn eine solche Geburt vorkäme, das Kind jederzeit den Pleiten übergeben würde; daher ihr großer Kinderreichtum. Ob die Sage begründet ist, habe ich nicht untersuchen können. Diese Pleiten sind ein höchst elendes Volk. Mit Lumpen bekleidet, von Schmutz und Ungeziefer starrend, säst ohne Heimat und Wohnung, führen sie ein Leben weit kläglicher als die Zigeuner und sind fast alle Vagabunden. Wer Bettlergruppen in Callots'") Manier nach allen ihren Abstufungen und Gestalten studieren wollte, in meist überaus malerischen Gruppen, wie sie der Zufall und eine höchst rege Lebendigkeit ordnet, der konnte nichts Besseres tun, als sich an einem der beiden genannten Festtage auf jenen Weg zu begeben. Jeder Jude mußte ihn passieren, um aus dem Begräbnisplatze zu beten; aber jeder Jude mußte auch den Pleiten nach seinem Vermögen ein Almosen spenden, mochte es noch so ge- 1) richtiger der Tag vor dem Versöhnungsfest. 2) L. Philippson bezeichnet diese Sage als eine gehässige Erfindung, die vielleicht in einem einmaligen Vorgang ihren Ursprung hätte. Allg. Zeit. d. Judentums, 1875, S. 323. In ihrer Verallgemeinerung geht die Sage jedenfalls zu weit. Vergl. z. B. L. Kalischs Worte (S. 148): „Wenn eine Frau oder ein Mädchen sich verging, so wurde dies fast als ein Nationalunglück betrachtet. Solche Fälle kamen übrigens äußerst selten vor." 3) Jacques Callot, französischer Zeichner, Kupferstecher und Radierer, 1592-1635. /

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