Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Aus den Jugenderinnerungen Karl Friedrichs von Klöden
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 8)
- Language
- German
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145 Tagen aber wird er steinhart und muß dann aufgeweicht werden. Acht Tage lang von ihm zu leben, ist eine schwere Aufgabe, obgleich einige Speisen aus zerriebenen Mazzes gebildet werden. Das Mehl zu einem solchen Kuchen kostet nur einige Pfennige. Dennoch beliefen sich die Unkosten der Mazzesbäckerei (da alle dabei Beaufsichtigenden für Zeit und Mühe entschädigt werden mußten) so hoch, daß jeder Kuchen auf zwei Groschen -zu stehen kam, wofür man damals die schmackhafteste Torte von gleicher Größe hätte haben können. Der Abend, mit welchem das Fest anfängt — und bekanntlich beginnt nach morgenländischem Gebrauche jeder Tag mit dem Abend, sobald die Sterne sichtbar werden — wird sehr festlich begangen. Die ganze Familie ist versammelt; jeder Hausvater ladet dazu einen oder zwei Bochers ein; Fenster und Türen werden fest verschlossen; kein Christ (Goj oder Ungläubiger) darf zugegen sein. Der Hausvater sitzt, mit seinem Sterbehemde bekleidet, auf dem Haupte ein Käpsel von Silberlahn, mitten am Tische in halb liegender Stellung, spricht die vorgeschriebenen Gebete und läßt bestimmte Stellen der Schrift verlesen; man ißt das Abendbrot und trinkt Wein von Rosinen und Äpfeln dazu. Es ist Vorschrift, dabei so heiter als möglich zu sein, in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Der Hausvater wie die Bochers sind bemüht, das ihrige dazu beizutragen; man macht Witze, und es fehlt auch nicht an Spott über die Gojim (Christen). Gewöhnlich sind auch einige Pletten oder Betteljuden mit eingeladen, die man zwar ungern nimmt, ihre Einladung aber doch für Pflicht hält. Die ersten beiden Tage des Osterfestes werden sehr streng gefeiert und sind fast ganz dem Gottesdienste gewidmet, an den übrigen Tagen können leichte Arbeiten vorgenommen werden. Die beiden letzten Tage sind wieder strenge Feiertage. Sind sie verflossen, so kehrt die gewöhnliche Kost zurück, womit meistens alle Teile sehr zufrieden sind. Übrigens sucht zu dieser Feier und zum Versöhnungsfeste jeder Jude zu Hause zu sein. 10