Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Aus den Jugenderinnerungen Karl Friedrichs von Klöden
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111106-3117195--5597-3117365- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
142 Nur der Vollständigkeit wegen sei noch bemerkt, daß Klöden an einer Stelle die Juden in Krojanke erwähnt. Es war ein Sabbat, als seine Familie auf der Reise nach Preußisch-Friedland dort ankam; die dort sehr zahlreichen polnischen Juden hatten ihre Schabbeskleider angelegt, saßen vor den Türen der Häuser und gewährten „einen eigentümlichen Anblick". — Nach diesen Vorbemerkungen folge nunmehr die Wiedergabe der eben besprochenen Mitteilungen Klödens. Eins der ersten Feste, das wir. wenigstens oberflächlich, kennen lernten, war das Purimfest. Bekanntlich wird es zur Erinnerung des Sieges der schönen Esther über die Umtriebe des bösen Haman gegen die Juden gefeiert und ist ein großes Freudenfest. Schon einige Abende vor demselben zogen junge Leute, welche sich unter Leitung des Rabbiners zu Lehrern und Beamten für die Synagoge bildeten — sogenannte Bochers, d h. jüdische Studenten oder Seminaristen — verkleidet umher, um in den Familien dramatische Szenen aus jener Geschichte darzustellen. Zu einer solchen Vorstellung waren auch wir eingeladen. Es 'traten sechs junge Männer ins Zimmer, von denen der eine den König Ahasverus, ein zweiter den Mardochai, ein dritter die Esther, ein vierter den Haman vorstellte; die übrigen Personen weiß ich nicht mehr zu nennen. Ahasverus war bartlos; er hatte seinen Rock mit goldpapiernen Treffen reich verbrämt, trug einen großen, goldpapiernen Stern auf der linken Brust und aus dem Kopfe eine Art von Krone, deren Form verunglückt schien. Die Gewänder Mardochais wichen nur wenig vom Gewöhnlichen ab, aber er trug einen mächtig langen Bart von Werg, ein kleines rundes, rotes Käpsel auf dem Kopfe und stellte einen alten Mann dar. Esther war in weiblicher Kleidung mit langer Schleppe und einem Schleier. Das Drama wurde fast ganz sitzend vorgestellt. Verstanden habe ich wenig, da mir das Jüdisch-Deutsche noch zu fremd war; es mußten aber wohl viele Witze Vorkommen, da nicht wenig gelacht wurde. Indessen