Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Briefe von, an und über Mendelssohn
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111106-3117194--5579-3117348- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
125 die Erbprinzen machen werden. Der Laudator temperisacti regt sich täglich stärker in mir, ich fürchte fast, daß es Alter ist. Ich weiß nicht. Allein Sie, wertgeschätzter Freund, Sie müssen Mendelssohns Biographe werden. Erlauben Sie mir einmal, daß ich frei rede, man ist bei offenem Herzen nirgends besser aufgehoben, als Lei Ihnen. Es zeigt sich hier, wie mich dünkt, für Sie eine Gelegenheit, ein Zusammenfluß von Umständen, Ihren bereits gegründeten Ruhm mit einem Werk zu krönen, die ich möchte fast sagen, seltener sind, als das Genie, sie zweckmäßig zu nützen. Das Leben Mendelssohns müßte unter Ihren Händen ein Fundamental-Werk für die Menschheit werden. Toleranz, wahre Gotteserkenntnis, wahrer Protestantismus, Überzeugung, daß man, ohne Kaiser oder König von Preußen zu sein, in dem einen bescheidenen Sprengel, ohne einen Groschen auszugeben, sehr viel Gutes tun kann, wäre es auch nur der Almosen der Verträglichkeit und der der Zeit angemessenen Anschmiegung an Lehrmeinungen, die sich noch nicht umschaffen lassen; Hoffnung, daß diese Almosen, in dem großen Schatz zur Besserung der Welt niedergelegt, dereinst sicher ihre Interessen tragen werden; Übung eigner Denkkraft der Mitglieder des Rats über Wahrheit und Irrtum ohne Rücksicht auf Namen, zu allem diesen würde sich Gelegenheit finden, und zwar eine, die vielleicht in Jahrhunderten nicht wiederkommen möchte. Es wird sobald kein Mendelssohn wieder sterben, und geschieht es in hundert Jahren etwa einmal wieder, wird da auch ein Nicolai wieder da sein, der der Welt mit der Kenntnis und Überzeugungskraft für die stärkern und mit dem Kredit und Autorität für die schwächeren, also für alle auf einmal mit der Macht des Stils, die Sie besitzen, sagen können wird, das haben wir verloren, so sieht es um unser Vaterland aus und das müssen wir tun. Sie können das alles sonst tausendmal sagen, aber das Publikum wird so leicht nie wieder die Disposition haben, es so aufzunehmen. Man will jetzt etwas lernen und annehmen und der Beifall fliegt