Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Briefe von, an und über Mendelssohn
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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103 habe Sie zu einer Zeit kennen und hochachten. lernen, da ich selbst noch in meinen eigenen Augen gar nichts bedeutete. In dieser ersten Vergleichung sind Sie so weit über mich weggekommen, und ich habe mich lange Zeit sür ein so sehr unbeträchtliches Geschöpf gegen Sie gehalten, daß ich mich auch jetzo noch nicht ganz wieder in die Gleichheit mit Ihnen setzen kann, die zur Freundschaft notwendig ist, und zu der mir Ihre Gewogenheit einiges Recht gegeben hat. Wäre es nicht diese kleine Schüchternheit, glauben Sie wohl, daß ich mich so lange des Vergnügens beraubt hätte, an Sie Briese zu schreiben, von Ihnen Briefe zu bekommen, von Ihnen, von dem ich weiß, daß sein Umgang meinem Geist am meisten die Nahrung geben könnte, die er sucht und welche er am besten zu brauchen weiß. — Ader ich denke, diese Schüchternheit wird mich in Ihren Augen nicht herabsetzen. Sie werden sie auch durch die Männer empfunden haben, von denen Sie Ihren ersten Unterricht empfingen. Sie werden sie noch vielleicht zuweilen gegen die Männer empfinden, gegen welche sich Hochachtung mit Dankbarkeit bei Ihnen vereinigt. Und das vereinigte sich bei mir... Sie waren vielleicht der erste philosophische Schriftsteller, der rechten Eindruck bei mir machte, der mich erweckte und den ersten Samen von Gedanken bei mir ausstreute. Von der Zeit an bis zu Ihrem Besuch in Leipzig wünschte ich oft eine genaue Verbindung mit Ihnen, hielte mich zuweilen dafür fähig, aber ich hoffte sie doch nicht und ich bewarb mich also nicht darum. Sie kamen mir zuvor, Sie suchten mich aus. Diese Tage sind immer noch für mich merkwürdige Tage; mein Gedächtnis, in welchem eine große Menge anderer Begebenheiten verloschen ist, stellt mir beinahe noch jeden kleinen Umstand unserer damaligen Zusammenkunft, jede merkwürdige Betrachtung aus Ihren Gesprächen dar. Vieles, was nach der Zeit vorgefallen ist, hat nicht bloß meine Achtung, sondern in der Tat meine freundschaftliche Zuneigung gegen Sie vermehrt. Ich kenne Ihr Herz, da ich zuvor nur mehr Ihre Einsichten kannte. Ich denke, das meinige ist