Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Religion und Nationalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111106-3117193--5535-3117305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
82 Weil die Propheten über die Berechtigung des Volksgefühls gar nicht reflektieren, der Nationalismus ihnen selbstverständlich ist, darum schaffen sie aus der tiefen Liebe zu ihrem Volk, dessen Untergang sie unabwendbar nahen sehen, die Hoffnung auf die Wiederherstellung des jüdischen Volkslebens. Wenn Israel nicht zu Grunde gehen soll, dann muß Gott es aus der Fremde wieder in die Heimat führen. Eine andere Form des Lebens, als die nationale, ist für die Propheten nicht vorhanden, nicht etwa, weil sie keine andere anerkennen, sondern weil sie eine andere Möglichkeit gar nicht sehen. Worin aber erblicken denn die Propheten das Daseinsrecht des jüdischen Volkes? Ausschließlich in seiner religiösen Aufgabe. Wie in der Religion des Mose Volksgefühl und religiöses Empfinden in innigster Verbindung stehen, ist auch der Nationalismus der Propheten religiös begründet. An einer politischen Selbständigkeit Israels, an seiner profanen Kultur allein haben sie kein Interesse, der einzige Kulturwert, den sie kennen, ist der des Glaubens. Israel ist für sie „der Knecht des Ewigen", der Träger der Erkenntnis des einen Gottes, darin erschöpft sich der Sinn seines nationalen Lebens. Ist diese Verbindung zwischen Religion und Volksgefühl unauflösbar? Lassen die nationalen Hoffnungen der Propheten sich aus ihrer religiösen Gedankenwelt ausscheiden, oder bilden sie einen notwendigen und unentbehrlichen Bestandteil? Diese Frage läßt sich nur von dem zentralen Begriff der prophetischen Religion, von ihrer Gottesvorstellung aus lösen. Die schöpferische, weltgeschichtliche Leistung der Propheten aber liegt in der Erkenntnis des Menschheitsgottes, der nicht nur seinem auserwählten Volke, sondern allen Völkern nahe ist. Aus dem Glauben an einen solchen Gött lassen sich daher nicht Hoffnungen für ein einzelnes Volk, sondern nur Erwartungen für die ganze Menschheit ableiten. Soweit die messianischen Verheißungen sich auf die Entwickelung der menschlichen Kultur, auf den Sieg der sittlichen Ideen, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe, des