Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Religion und Nationalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 83 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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83 — Friedens beziehen, stehen sie daher in logischem und unauflösbarem Zusammenhang mit dem Gottesglauben. Die nationale Zukunftshoffnung aber, die die Propheten ihrem eigenen Volk verkünden, wurzelt nicht in ihrer religiösen Anschauung, sondern in ihrem Nationalgefühl. Nur weil sie in inniger Liebe mit ihrem Volk verbunden sind und keine andere Form des Gemeinschaftslebens, -als die nationale kennen, ersehnen und hoffen sie die Rückkehr Jsraöls in das Land der.Väter. Gegen diese Behauptung könnte man einwenden, daß die Erhaltung des jüdischeu Volkes nicht nur aus nationalen, sondern auch aus religiösen Gründen gefordert werden mutz, weil seine letzte und höchste Hoffnung, die Verwirklichung des Gottesreichs auf Erden sich nur bann erfüllen kann, wenn der Träger des Glaubens an den einen Gott erhalten bleibt und sein Werk vollendet. Ob diese religiöse Aufgabe jedoch nur dann lösbar ist, wenn Israel wieder als Volk in seiner Heimat lebt, ob wir uns nicht auch als Religionsgemeinschaft inmitten der Völker behaupten können, diese Frage ist nicht mehr religiöser Art, und ihre Beantwortung ist von ganz -anderen Gesichtspunkten aus zu suchen. Wenn man von der Kraft der religiösen Wahrheit überzeugt ist und zur Charakterfestigkeit und Treue unserer Glaubensbrüder Vertrauen hat, wird man die Erhaltung Israels und seiner Religion auch inmitten der Kulturvölker für möglich halten. Demnach lassen sich aus der prophetischen Religion die nationalen Hoffnungen ausscheiden, und sie sind auch im westeuropäischen Judentum innerhalb der Religion nicht mehr recht lebendig. Ebenso aber, wie sich im Judentum der Gegenwart die Religion vom Nationalgefühl gesondert hat, hat der jüdische Nationalismus seinen religiösen Charakter. verloren, ist politisch und profan geworden. Ein solcher Nationalismus, der die Wiederherstellung des jüdischnationalen Lebens erstrebt, ohne die Erhaltung und Ausbreitung unseres Glaubens zu verlangen, bedeutet «inen Bruch mit unserer Geschichte, ein Verkennen der e*