Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Religion und Nationalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 81 (sequence 12)
- Language
- German
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— elfte im Leben Israels sich offenbart. „Wie die Kuschiter seid Ihr Kinder Israel mir, ist der Spruch des Ewigen. Habe ich nicht Israel aus Ägypten geführt und die Philister aus Kaphtor und die Aramaeer aus Kir?" Klarer als in diesen Worten des Propheten Amos läßt sich der Gedanke nicht zum Ausdruck bringen, daß Gott seine erlösende Liebe in gleicher Weise allen Völkern der Erde schenkt. Ist so der Universalismus der prophetischen Religion unverkennbar, so entsteht nun die Frage, wie sie sich zum Volksgefühl verhält. Während in der christlichen Religion der einzelne Mensch durch den Glauben erlöst werden soll, richtet sich die Hoffnung der Propheten auf die Zukunft des Völkerlebens. „Mein Haus wird ein Bethaus sein für alle Völker". Sie erwarten, daß der monotheistische Gedanke einst alle Völker durchdringen wird. Damit erhält das Nationalgefühl nicht eine religiöse Weihe, es wird nicht an sich, losgelöst von aller Religion als wertvoll anerkannt, sondern den Propheten erscheint, wie jedem Menschen der Antike, das Volksleben als die selbstverständliche Form menschlichen Zusammenlebens. Ihr Universalismus bedeutet demnach weder eine Negation, noch eine Betonung des Nationalgefühls, er beseitigt nicht, die Volksempfindung, ignoriert sie auch nicht, wie das Christentum, ebensowenig aber verleiht er ihr eine besondere Würde und Dignität, sondern setzt sie voraus und läßt sie bestehen. Wenn nach der Hoffnung der Propheten der Glaube an den einen Gott einst den Sieg errungen haben wird, wird damit das nationale Eigenleben der Völker nicht vernichtet, sondern erreicht im Gegenteil seine kulturelle Höhe. Der Universalismus der Propheten steht demnach nicht im Gegensatz zum Nationalismus, wenn darunter die Anerkennung eigenen und fremden Volkslebens verstanden wird. Er wendet sich nur gegen die Engherzigkeit des religiösen Nationalismus, der die religiöse Wahrheit fremden Völkern vorenthält und die Liebe Gottes ausschließlich für das eigene in Anspruch nimmt. 6