Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Religion und Nationalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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für die.Gestaltung des Christentums war aber die Tatsache, daß es nicht auf nationalem Boden entstanden ist, nicht im Leben eines einzelnen Volkes wurzelt. So waren hier für die Entstehung des Universalismus die günstigsten Bedingungen vorhanden. Um so merkwürdiger ist es, daß im Christentum der Typus der Weltreligion noch nicht absolut rein erscheint. Ein voller Universalismus der Religion ist erst dann vorhanden, wenn der Gott, den sie lehrt, in gleicher Weise allen Menschen seine Liebe schenkt, und die ganze Menschheit zu seiner Anbetung und Verehrung ausgefordert wird. Die zweite Bedingung ist im Christentum erfüllt, das Bestreben, die Andersgläubigen zu bekehren, die alleinige Religion zu werden, ist ja im Christentum besonders stark. Doch die göttliche Liebe, die Gnade der Erlösung von der Sündenschuld wird nicht ohne Einschränkung allen Menschen zu teil, sondern nur denen, die an Christus, an die sühnende Kraft seines Opsertodes glauben. Es besteht demnach im Christentum, wenn auch nicht eine nationale, so doch eine dogmatische Schranke, die seinen universalistischen Charakter in gewissem Sinne aufhebt. In dieser Hinsicht besteht auch zwischen den beiden christlichen Bekenntnissen kein Unterschied. Den Typus des reinen, uneingeschränkten Universälismus finden wir in der Religion der israelitischen Propheten. Wie sie mit der mosaischen Lehre zusammenhängt, haben wir bereits angedeutet. Aus dem sittlichen Charakter Gottes ergibt sich, daß er nicht der Volksgott Israels bleiben konnte. Dem einen Gott der Gerechtigkeit und Liebe entspricht notwendig der sittliche Begriff der Menschheit. Diese Konsequenz haben die Propheten Israels gezogen und wurden damit die Schöpfer der ältesten Weltreligion. In ihr sind beide Bedingungen erfüllt, die für den Universalismus gelten. Der Glaube, an den einen Gott soll einst die Welt erfüllen, doch Gottes Liebe gehört den Völkern nicht erst dann,. wenn sie an ihn glauben, sie ist nicht von der Anerkennung irgend eines Dogmas abhängig, sondern Gottes Gnade leitet die Völker und bestimmt ihr Schicksal ebenso, wie