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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1917-01-01 · 20 (1917) · p. Seite 79

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
20 (1917)
Article
Religion und Nationalismus
Date
1917-01-01
Page
Seite 79 (sequence 10)
Language
German
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79 Die religiöse Begabung der Römer war geringer, als die irgend eines anderen Volkes der Antike. Ihre Götter sind mehr abstrakte Begriffe, als Persönlichkeiten. Wie wenig sie mit dem Nationalgefühl verbunden waren, zeigt sich am deutlichsten darin, daß die römischen Gottheiten von den Römern selbst mit den Göttern Griechenlands identifiziert worden sind. Diese Verschmelzung ist aber auch das einzig Interessante an der röm-ischen Religion. Sie repräsentiert keinen neuen Typus, sondern hält sich ebenso, wie die griechische an der Grenze zwischen Volks- und Weltreligion. Jupiter, der Schutzgott der römischen Macht, herrscht über die zahllosen Völker des römischen Weltreichs, doch die Ausbreitung der römischen Religion erfolgt nicht aus. religiösen, sondern aus politischen Gründen, sie duldet neben sich die nationalen Kulte der unterworfenen Völker. Wenn die Römer die Anbetung Jupiters verlangen, so liegt ihnen ausschließlich an der Anerkennung der römischen Staatshoheit und nicht am Sieg der religiösen Wahrheit. Der Erbe des römischen Imperiums ist das Christentum. In ihm lösen sich Volksgefühl und Frömmigkeit. Die christliche Religion wendet sich ja nicht an die Völker, sondern an den einzelnen Menschen, sie will die Erlösung der sündigen Menschenseele. Das bedeutet aber nicht eine Ablehnung und Geringschätzung des Volksgesühls, es herrscht im Christentum nicht eine kosmopolitische Gesinnung, die das Weltbürgertum, das Allgemein- Menschliche höher stellt, als das Nationale. Die christliche Religion ist nicht antinational, sondern individualistisch. Das Volksgefühl bleibt außerhalb der Religion, weil sich der Glaube ausschließlich an die einzelne Seele wendet. Daraus folgt von selbst, daß alle nationalen Schranken fortfallen und die Religion universalistisch wird. Ermöglicht wurde diese Entwickelung durch zwei Faktoren. Zunächst dadurch, daß im Judentum die unendliche Bedeutung der Menschenseele bereits erkannt war. Der talmudische Satz: „Eine einzige Menschenseele wiegt das Weltall auf" formuliert nur in pointierter Form die Anschauung der Bibel. Ebenso entscheidend

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