Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Religion und Nationalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 8)
- Language
- German
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man sie schlechthin als Nationalreligion bezeichnet und von den heidnischen Nationalreligionen nicht unterscheidet. Es trifft zwar zu, daß der Gott Israels seine Liebe nur seinem auserwählten Volke schenkt und sich weder um das Schicksal, noch um die Religion der Heiden kümmert, doch weil seine Verbindung mit Israel nicht eine naturhafte, sondern eine sittliche ist, ist in dieser ethischen Nationalreligion bereits die Voraussetzung gegeben für die Überwindung der nationalen Schranken. Je deutlicher der sittliche Charakter Gottes erkannt wurde, desto weniger konnte er der Volksgott Israels bleiben. Das widersprach ebenso der unendlichen Liebe Gottes, wie seiner Gerechtigkeit, die keine Grenzen hat.. Seine sittlichen Gesetze gelten für alle Menschen und fordern Gehorsam von jedem Einzelnen. So mußte aus dem mosaischen Volksgott der Weltgott der Propheten werden. Die Religion der Griechen hat ebenso, wie die der Römer, tiefgreifende Wandlungen erfahren. Die homerische Götterwelt ist von der der griechischen Dra» matiker deutlich unterschieden, und die Stimmung der dionysischen Religion, der orphischen und eleusinischen Mysterien hebt sich von der Helligkeit und Lebensfreude der homerischen Frömmigkeit entschieden ab. Noch stärker verändert sich die römische Religion durch das Eindringen griechischer Bildung und zahlreicher orientalischer Gottesvorstellungen und Kultformen. Trotz alledenr aber ist das Verhältnis der Religion zum Volksgefühl in beiden Religionen durch alle Wandlungen hindurch sich gleich geblieben. Die Genialität der Griechen ist nicht religiöser Art, ihre schöpferische Kraft offenbart sich in der Selbständigkeit und Tiefe ihres wissenschaftlichen Denkens und in. der Schönheit und dem Formenreichtum ihrer Kunst. Demnach ist auch ihr Nationalgefühl nicht religiös begründet. So stark die Griechen ihre Eigenart und ihren. Wert empfinden, ihr Nationalgefühl entlädt sich nicht in der Schöpfung einer besonderen griechischen Götterwelt, die in ausschließlicher Beziehung zum griechischen Wesen.