Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Religion und Nationalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 6)
- Language
- German
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in dem Machtbereich seiner Götter lebt. Die Babylonien z. B. empfinden in ihrem Lande den Segen, den die- Sonne spendet, sie fühlen ihre Macht und Größe und so verehren sie die Sonne, ohne darüber nachzudenken, daß dieser Gott seinen Segen genau so jedem anderen Volke schenkt. Die übrigen Nationen und ihr Schicksal interessieren den Heiden nicht, und weil das sittliche Jnteresse an den Menschen, der ethische Begriff der Menschheit fehlt, wird nur die Beziehung der Naturwesen zum eigenen Volk ins Auge gefaßt. Die Nationalreligionen entstehen demnach dadurch, daß der Egoismus eines Volkes sich der religiösen Vorstellung bemächtigt und eine naturhafte Verbindung zwischen Gott und Volk herstellt. Ständen die Nationalgötter ihrem Wesen nach einem bestimmten Volk besonders nahe, wäre das Nationalgefühl, das aus den göttlichen Naturwesen Volksgötter formt, von dem Bewußtsein eines eigenartigen und besonderen Wertes dieser Nation begleitet, dann bliebe die religionsgeschichtliche Tatsache unerklärlich, daß die heidnischen Volksgötter nicht von Anfang an schon die Götter eines Volkes sind, sondern erst allmählich zum Range eines Volksgottes aufsteigen, während sie ursprünglich Lokalgottheiten sind, wie etwa Marduk anfangs der Gott von Babel war. Wie äußerlich die Verbindung der heidnischen Götter mit ihren Völkern ist, ergibt sich schließlich daraus, daß man auf fremdem Boden die Götter eines fremden Volkes verehrte. So beteten die Samaritaner, die aus der assyrischen Landschaft Kuta stammten, in Palästina zu dem Gotte Jsraöls. Die Götter der Nationalreligionen sind demnach mehr Gottheiten eines bestimmten Landes, als eines besonderen Volkes. Die Verbindung zwischen Religion und Volksgefühl ist eng genug, um den Naturgottheiten ihren universellen Charakter zu nehmen und ihnen einen nationalen zu verleihen, sie ist aber keine innerliche, sondern zufällig. Ganz anderer Art ist die Beziehung zwischen Religion und Volksempfinden in der Religion des Mose,