Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Religion und Nationalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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nach lautet unsere Frage: Wie Verhalten sich Religion und Volksgefühl zu einander? Eine psychologische Analyse des Volksempfindens führt aber zur Unterscheidung zweier verschiedener Formen nationalen Fühlens. Der moderne Nationalismus überträgt das Prinzip des Individualismus aus das Volksleben. Ebenso, wie nach der individualistischen Lehre die Bedeutung und der Wert des einzelnen Menschen darin liegen, daß in seinem Leben, in der Gesamtheit seines Wirkens und Verhaltens seine persönliche Eigenart, seine besondere seelische Form zum Ausdruck kommt, die sich bei keinem anderen wiederholt, so betont der Nationalismus der Gegenwart, den absoluten Wert der nationalen Eigenart und sieht das Daseinsrecht eines Volkes in seiner besonderen Daseinsform und in dem Streben, den eigentümlichen Volkscharakter in seiner kulturellen Arbeit zur Erscheinung zu bringen. Demnach enthält das nationale Empfinden der modernen Völker nicht nur das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volke, es wird nicht allein die Tatsache der Lebensgemeinschaft, des unauflösbaren Verbundenseins vom Gefühl festgestellt, sondern damit verbindet sich ein bestimmtes Wertgefühl, das Bewußtsein einer besonderen und deshalb wertvollen Eigenart. Einem solchen wertbetonten Nationalismus aber begegnen wir im allgemeinen bei den Völkern des Altertums nicht. Nur drei von ihnen, das jüdische, das griechische und das Volk der Römer haben ein aristokratisches selbstbewußtes Gefühl ihres besonderen Wertes. Bei den Juden ist es durch die Erkenntnis hervorgerufen, daß ihre Religion allem Heidentum weit überlegen ist. Das starke Nationalgefühl der Griechen beruht auf dem Bewußtsein ihrer höheren wissenschaftlichen und künstlerischen Kultur. Die Römer fühlten sich zum Herrschen geboren, als die Schöpfer staatlicher Ordnung. Bei allen andern Völkern der Antike erhöht und steigert sich wohl das Volksgefühl mit dem Wachstum ihrer politischen Macht, aber ein dauerndes Empfinden ihres besonderen Wertes und ihrer Eigenart ist nicht vorhanden.