Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Religion und Nationalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Tatsachen, die uns zur Definition verhelfen sollen, von allen anderen zu sondern. Es ergibt sich uns demnach das sonderbare Resultat, daß wir einen Begriff der Religion bereits besitzen müssen, um ihre Definition aus den Tatsachen des religiösen Lebens zu gewinnen. Eine rein logische Bestimmung der Religion aber bleibt immer willkürlich und subjektiv. Ein solcher Versuch steht im Gegensatz zur Gesamttendenz des modernen wissenschaftlichen Denkens, das sich stets an den Tatsachen, an der Wirklichkeit orientiert. Für unsere systematische Untersuchung aber, die das Verhältnis zwischen Religion und Nationalismus in seinen typischen Formen feststellen will, bedürfen wir einer Definition des Glaubens nicht. Wir haben es vielmehr mit den bekannten geschichtlichen Religionen zu tun, mit Vorstellungen, Formen und Verhaltungsweisen, deren religiöser Charakter unbestreitbar ist. Dagegen ist der Begriff des Nationalismus genauer zu bestimmen. Uber die Frage, unter welchen Bedingungen man von dem Vorhandensein eines Volkes sprechen kann, ist vor Beginn des Weltkriegs leidenschaftlich gestritten worden, und dieser Kampf der Meinungen ist noch nicht beendet. Die Anhänger der Raffentheorie halten die Gemeinsamkeit der Abstammung, den Blutszusammenhang der Volksgenossen für das wesentliche und entscheidende Merkmal, während ihre Gegner auf die geistigen Tatsachen einer einheitlichen, selbständigen Kultur und auf die Gemeinsamkeit des Erlebens, des geschichtlichen Verbundenseins Hinweisen. Für unsere Untersuchung aber handelt es sich nicht darum zu erkennen, in welchem Verhältnis Religion und Volkstum zu einander stehen. Unter Nationalismus verstehen wir vielmehr das subjektive Bewußtsein eines eigenen Volkstums, das deutliche Gefühl, zu einem bestimmten Volk zu gehören. Durch welche Faktoren also auch immer das Leben eines Volkes bestimmt sein mag, welche von den streitenden Theorieen Recht behält, für unsere Untersuchung halten wir uns an die Tatsache des Volksempfindens, des subjektiven nationalen Gefühls, ohne darüber nachzudenken, auf welche Weise es entsteht. Dem-