Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Religion und Nationalismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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, \ — 71 - ihr verschwanden, an die Stelle der einzelnen Nationen die einheitliche Kulturmenschheit trat. Von diesem Standpunkt aus hatte man die geschichtlichen Religionen betrachtet, und es galt als ein deutliches Zeichen der Rückständigkeit einer Religion, ihres Verharrens auf einer tieferen Entwicklungsstufe, wenn in ihr nationale Hoffnungen und Empfindungen sich hervorwagten. Diesen Irrtum haben die Erfahrungen der Kriegszeit hoffentlich beseitigt, und so wird man in Zukunft die geschichtliche Entwickelung der Religion und ihr Verhältnis zum Volksgefühl wohl gerechter und objektiver beurteilen. Es soll nun im folgenden versucht werden, die mannigfachen und wechselnden Beziehungen, die zwischen Religion und Nationalismus in der Geschichte hervortreten, zur Darstellung zu bringen. Die Grundformen dieses Verhältnisses sollen genauer beschrieben, ein Schema gefunden werden, mit dessen Hilfe wir die verschiedenen Religionen ordnen und werten und zugleich in ihrer Eigenart schärfer erfassen können. Meine Aufgabe ist also mehr eine systematische, als eine geschichtliche, und ich brauche nicht die einzelnen Religionen in ihrer chronologischen Reihenfolge zu behandeln, sondern kann mich auf die markanten Vertreter der einzelnen Typen beschränken, auf diejenigen Religionen, in denen ein neues Verhältnis zum Nationalismus zum Vorschein kommt. Auf diese Weise erübrigt sich die methodisch schwierige Feststellung, was unter Religion zu verstehen ist. Wer eine Geschichte der Religion in ausführlicher, oder skizzenhafter Form bieten will, muß ihr Gebiet abgrenzen und alle Tatsachen, die nicht religiöser Art sind, ausscheiden. Das kann nur mit Hilfe einer Definition, einer scharf umrifsenen Bestimmung der Religion geschehen. Sie läßt sich aber weder empirisch aus der religiösen Geschichte der Menschheit, noch unabhängig von ihr durch logisches Denken gewinnen. Wenn wir den Begriff der Religion aus der verwirrenden Fülle des geschichtlichen Materials finden wollen, dann müssen wir ein Kriterium besitzen, das uns ermöglicht, die religiösen