Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Judentum und Griechentum
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111106-3117192--5519-3117290- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
67 tzen? Wer aber ohne solche Erkenntnisse stirbt, sollte der wie ein Tier verlöschen? Das, meint Luzzatto, ist nicht Judentum, sondern Aristotelismus. Das Judentum fordert vor allem das Gutsein. Barmherzigkeit ist keine hellenische Tugend gewesen, aber sie ist ein Gebot der jüdischen Religion und ist eine Tugend des jüdischen Stammes geworden. „Wer mit Len Geschöpfen Erbarmen hat, ist von den Nachkommen Abrahams". Die selbstlose Hingabe an das Wohl der Anderen ist keine Forderung der Philosophen, sondern der Propheten. , Der Attizismus klang in Pessimismus -aus, der jüdische Stamm aber bewahrte in seinem Glauben an Gottes Walten Zuversicht und Weltfreudigkeit. Das Griechentum war für die Weltkultur wertvoll, nicht minder aber auch das Judentum. In seinem „Bekenntnis" spricht Luzzatto folgende geschichtsphilosophische Gedanken aus: Die Zivilisation ist das Erzeugnis zweier Elemente, des Attizismus und des Judaismus. Die Welt verdankt Athen die Philosophie, die Kunst, die Liebe zum Schönen und die Moral der Vernunft; Jerusalem dagegen verdankt sie die Religion, Lie Liebe zum Guten, die Moral des Herzens, des Mitleids und der Selbstverleugnung. Fast um dieselbe Zeit wie Samuel David Luzzatto hat auch Heinrich Heine über das Problem vom Judentum und Griechentum nachgedacht. Luzzatto erschien Las Griechentum gleichbedeutend mit der Philosophie und dem Streben nach Wahrheit und Erkenntnis; Heine dagegen sah im Griechentum das Verlangen nach Schönheit und frohem Weltgenuß. Judentum und Griechentum waren ihm nicht Gegensätze wie Prophet und Philosoph, sondern wie Prophet und Künstler, das Streben nach dem Guten und das Verlangen nach Freude und Schönheit. „Gutsein ist besser denn Schönheit", ruft Heine in seinen „Geständnissen" aus. In der Jugend zwar pries er noch das lebens- und schönheitsfrohe Hellenentum als „Wiederherstellung 'des Fleisches" und sah im Judentum und im Christentum selbstquälerisches, weltflüchtiges, asketisches Naza- 5*