Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Judentum und Griechentum
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Griechentum an Gedanken und „Blüten" reich sein, des Judentums Bestimmung ist es, seine Bekenner zu sittlichem Leben zu erziehen, zu edlen Taten zu begeistern und „Früchte" hervorzubringen. Wie Palästina unter den Ländern das heilige Land, so ist Israel unter den Völkern das Volk der Offenbarung: Gott hat es für würdig befunden, sich ihm zu offenbaren. In unsere Sprache übertragen, heißt das: Israel wurde kraft der von Gott ihm verliehenen Begabung der Schöpfer der Religion, wie das griechische Volk der Schöpfer der Philosophie und Wissenschaft wurde. In der jüdischen Religionsphilosophie des Mittelalters vertritt Salomo Gabirol eine dritte Richtung. Saadia und Maimonides haben Religion und Philosophie zu versöhnen gesucht, Jehuda halewi hat sich ganz und gar auf die Seite der Religion und Salomo Gabirol ganz und gar auf die Seite der Philosophie gestellt. In Salomo Gabirol wohnen zwei Seelen. Er ist Dichter und Philosoph wie Jehuda halewi: in seinen Gedichten ist er ein gläubiger Bekenner und in seiner Philosophie ein Philosoph, der die Religion aus seinem Denken völlig ausschaltet. Sein philosophisches Hauptwerk wurde mit Recht als ein „Lehrbuch der neuplatonischen Philosophie" bezeichnet; es ist zwar das Buch eines Juden, aber kein jüdisches Buch. Nur als Dichter hat Salomo Gabirol seinen Platz in der Geschichte des Judentums, als Philosoph dagegen gehört er wie Spinoza in die Geschichte der allgemeinen Philosophie. Wie Philo das „Wort", so stellt Gabirol zwischen Gott und die Welt den „Willen". Nachdem Gott aus sich den „Willen" als Mittelwesen entlassen und das weitere Wirken ihm übertragen hatte, zog er sich gewissermaßen in seine Himmelshöhen zurück. Wie die griechischen Kirchenväter im Altertum den Logos des Philo, so haben die christlichen Scholastiker des Mittelalters den „Willen" in der Philosophie Gabirols als besonderes Wesen aufgefaßt und in ihm eine Stütze für den christlichen Glauben gesucht. Die Philosophie Gabirols erschien ihnen so sehr „christlich", daß sie die