Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Judentum und Griechentum
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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59 Widerspricht, dort muß sie vernunftgemäß erklärt undphilosophisch umgedeutet werden. Weder diL Schlange im Paradiese noch die Eselin Bileams haben reden können, sondern ein Engel war es, der an ihrer Stelle sprach. Gott selber ist den Propheten nicht erschienen,, auch hat er zu ihnen nicht gesprochen; vielmehr haben die Propheten im Augenblick der Offenbarung eine von Gott erschaffene Lichterscheinung geschaut und die von ihr ausgehende Rede vernommen. Wo die heilige Schrift von Gottes „Haupt" und „Auge" spricht, meint sie Gottes Erhabenheit und Fürsorge. Gottes „Antlitz" bedeutet Zorn oder Gnade. Bezeichnet die heilige Schrift den Menschen als Gottes Ebenbild, so will sie damit nicht etwa aussprechen, daß der Mensch in seiner Gestalt Gott ähnlich sei, denn Gott hat keine Gestalt, sondern daß der Mensch in seiner Gestalt unter allen Wesen bevorzugt ist. Saadia unterscheidet zwischen den allgemeinen religiössittlichen Forderungen des Judentums, die auch von der Vernunft und der Philosophie gebilligt werden, und den rituellen Satzungen, deren Sinn dem menschlichen Denken manchmal verborgen bleibt und die wir trotzdem heilighalten sollen, weil sie von Gott sind. Schon aus diesen wenigen Punkten ist ersichtlich,, was das Judentum der Berührung mit der griechischen Philosophie im Mittelalter verdankt. Was. den Gläubigen früher als Tatsache des Glaubens seststand wie z. B. die Weltschöpfung, würde zu einer „Frage," die erst philosophisch bewiesen werden mußte. Die Erzählungen der Bibel wurden der Kritik unterworfen und vernunftgemäß oder allegorisch erklärt. In das Judentum wurde die ihm von Haus aus fremde Scheidung in Religion und Moral, in allgemeine auch von der Philosophie gebilligte religiös-sittliche Forderungen und in rituelle Satzungen eingeführt. Vor allem aber regte die Berührung mit dem griechischen Geiste und der griechischen Philosophie zu methodischem Denken an und erweckte das Verlangen nach einer systematischen Zusammenfassung der religiösem Lehren des Judentums.