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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1917-01-01 · 20 (1917) · p. Seite 57

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
20 (1917)
Article
Judentum und Griechentum
Date
1917-01-01
Page
Seite 57 (sequence 17)
Language
German
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57 schlichte Glaube in ein philosophisches System umgeprägt. Anstelle der Religion trat die Theologie, und anstelle des lebendigen Glaubens und des religiösen Erlebens traten die Dogmen. Die christlichen Dogmen sind nach einem Worte Harnacks eine „Konzeption des griechischen Geistes auf dem Boden des Evangeliums." Im Christentum strebten von jetzt an zwei Elemente nach Versöhnung: das jüdische und das griechische. Bald gewann das jüdische und bald das griechische die Oberhand. Die christlichen Gnostiker wie Marcion und sein Schüler Apelles versuchten das. Christentum ganz und gar zu hellenisieren und von seinem jüdischen Element zu befreien. Sie brachten die Lehre von den zwei Göttern aus, dem Schöpfer- und dem Lichtgott, und unterschieden zwischen dem gerechten Gotte des Alten und dem Gotte der Liebe im Neuen Testament. Das Wort von dem jüdischen Gott der Rache und dem christlichen Gott der Liebe haben nicht die christlichen Kirchenväter, sondern die von ihnen bekämpften Gnostiker geprägt, um mit ihrer an dem Gotte und der Ethik des Alten Testaments geübten Kritik das jüdische Element aus der Kirche hinauszudrängen. Das Hinstreben zu Jesus und zum Urchristentum in der Gegenwart ist umgekehrt ein Streben nach Befreiung des christlichen Glaubens von seinem hellenistischen Element. 5 Judentum und Griechentum, der Prophet und der Philosoph, trafen noch einmal zusammen, und aus ihrem Zusammentreffen entstand die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters. Es war im 9. Jahrhundert. Die Schriften des Plato und Aristoteles, echte und unechte zugleich, gingen in syrischer und arabischer Übersetzung von Hand zu Hand und fanden auch in jüdischen Kreisen Leser. Die Gebildeten wurden durch das Lesen philosophischer Schriften zum Nachdenken angeregt; sie stngen an, die Lehren des Judentums mit den Ergebnissen der Philosophie zu vergleichen, und stngen an, zu zweifeln. Es galt, entweder wie einst in Alexandrien von neuem die Lehren des Judentums mit der Philosophie zu versöhnen oder das selbständige Daseinsrecht der Religion

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