Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1917-01-01 · 20 (1917) · p. Seite 55

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
20 (1917)
Article
Judentum und Griechentum
Date
1917-01-01
Page
Seite 55 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3111067-3111106-3117192--5507-3117278
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 55 — Philo verehrte Moses und Plato zugleich, und indem er sie zu harmonisieren suchte, verwickelte er sich in Widersprüche; die Rabbinen dagegen leben und weben in den „vier Ellen der Halacha," ihre Gedankenwelt ist nicht so weit wie die des Philo, aber sie ist klar und einheitlich und ohne inneren Widerstreit. In Palästina wandte sich das Judentum vom Griechentum ab, um seinen eigenen Weg zu gehen. An der Peripherie des palästinensischen Judentums entstanden wohl zwei Gedankenbildungen, die Spuren des Hellenismus aufweisen: der Essenismus mit seinem asketischen Lebensideal und der Gnostizismus mit seinen theosophischen Grübeleien. In beiden finden sich griechische Gedankenelemente, allein für dieEntwicklung desJudentums blieben beide ohne Einfluß. Die Essäer standen als jüdische Sekte abseits vom Judentum, und die gnostischen Spekulationen wurden von den Lehrern des Judentums bekämpft. In die Seele des jüdischen Volkes, in Palästina vermochte der Hellenismus nicht zu dringen. 4. Wie gering der Einsiuß des Hellenismus in Palästina gewesen ist, beweist Jesus. Aramäisch war seine Muttersprache, die heilige Schrift las er in der Ursprache; zum Hellenismus aber stand seine Verkündigung in keinem Verhältnis. Auch die Gedankenwelt des Paulus wurde wenig vom griechischen Geiste beeinflußt. In Tarsos geboren, wuchs Paulus zwar in griechischer Umgebung auf. Von Jugend auf führte er neben dem hebräischen Namen (Saulus) einen fremden (Paulus), sprach hebräisch und griechisch und las die Bibel in griechischer Übersetzung. Allein zur griechischen Weisheit stand auch er im schärfsten Gegensatz. „Sehet zu, daß euch niemand beraube durch Philosophie"^), so warnt er im Kolosserbriese die Gemeinde. Erst als das Christentum, den Boden Palästinas verlassend, in die griechisch redende Welt eintrat, erst als Heiden mit griechischer Bildung in die Kirche einzogen, >) Koloss. 2, 8.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.