Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5676
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 Vortrefflichen Referat behandelte Felix Goldmann „Die Stellung des deutschen Rabbiners zur Ostjudenfrage". Unparteiisch und gut unterrichtet betrachtet er sein Thema von seiner deutsch-jüdischen, politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und religiösen Seite. Besonderen Nachdruck legt er auf die Forderung, die Ostjuden nicht als eine willenlose Masse zu betrachten und zu bevormunden, vielmehr „ihren Willen selbst zu ergründen, die ja schließlich wissen müssen, was für sie geeignet ist, wo ihnen Reformen fehlen". In der Lösung der Ostjudenfrage sieht er die Schicksalsfrage des Judentums. „Die Zukunft des Judentums liegt in Wahrheit nur im Osten und das ist für uns der tiefste Sinn der Ostjudenfrage! Der Ostjude, der jetzt mit krummen: Rücken und gramdurchfurchten Zügen sein schweres Los geduldig trägt, er birgt in sich ungeahnte Reichtümer an Geist und Herz, an Zukunftsbewußtsein und Kraft, er ist von der Vorsehung berufen, dereinst die Aufgaben aufzunehmen und weiterzuführen, die das deutsche Judentum begonnen hat. Er trägt in sich die Zukunft unserer Gemeinschaft, und dies Bewußtsein möge uns die Kraft geben, die schweren Aufgaben, die die Ostjudenfrage uns noch auferlegen wird, getreulich zu erfüllen!" Wie trübe sind demgegenüber die Aussichten der Juden in Rußland! Fast könnte man meinen, daß die Lösung der Judenfrage, die einst Pobjedonoszew in seinem zynischen Vorschläge angeregt hatte, ein Drittel der Juden zu erschlagen, ein anderes Drittel zur Auswanderung zu zwingen, sich ihrer Verwirklichung nähern sollte. Auf eine Million schätzt ein Baseler Blatt die Zahl der Juden, die im Kampfe für den Zarismus geblutet haben. Auf eine Million darf man weiter die Zahl derer berechnen, die freiwillig oder gezwungen unter den grausamsten Maßnahmen der Regierung die westlichen Gouvernements verlassen und sich in das Innere Rußlands zurückgezogen haben. Eine Flut von Elend schleppten sie mit sich. „Recht- und besitzlos, hilflos der Willkür untergeordneter Polizeiorgane preisgegeben, von Orten, wo sie zeitweise sich niedergelassen, nach kurzer