Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Kommerzienrat Arnold
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 241 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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241 kein Halten mehr. Hatte uns ehedem stets fremdes Eingreifen die Heimat zerstört: diesmal der eigene Wille. Wie gehetzt jagten wir Wochen über Meer und Land. Endlich in einer bitterkalten Novembernacht standen wir wieder in jener Seestadt. Keiner von uns dachte an schlafen. Die Eltern band ihr Versprechen, das Kind nicht aufzusuchen. Ich hatte nichts versprochen. So wurde ich ausgeschickt am nächsten Morgen. Und ich fand noch den Weg in jenes reiche Haus, den ich damals hinter dem Diener hergeschlichen. Es erschien mir eigentlich weniger prächtig diesmal; atemlos zwar, aber doch sicherer als einst, wagte ich, dem Diener mein Begehr zu melden. Der maß mich mit einem seltsamen Blick. Seltsamer noch starrten die alten Leute mich an, vor denen ich bald darauf stand. Aber ich wollte ja nicht zu ihnen, ich wollte zu meiner Schwester. Ich horchte nach allen Seiten, ob nicht ihr Lachstimmchen sich hören ließe. Da vernahm ich ein ersticktes Seufzen aus der Sofaecke, in der die alte Dame saß. Beschwichtigend sah ich ihren Mann, ihr die Hand auf die Schulter legen: „Rahel ist fort. Verschwunden. Ein Komödiant, ein reifer Mann hat das sechzehnjährige Kind an sich gelockt. Wir haben keine Spur. Nichts, nichts. Irgendwohin in die weite Welt — über's Meer! Gehen ja Schiffe genug von hier. Das Mädchen hatte selbst eine so närrische Freude am Komödiespielen."- Kommerzienrat Arnold hielt inne; auch im bis dahin ruhelosen Wandern durch das Zimmer, über das sich immer tiefer die blauen Schatten der Dämmerung gesenkt hatten. Müde und schwer lehnte er gegen ein Möbelstück in der dunkelsten Ecke. „Es bleibt nicht viel mehr zu sagen. Das war das Schwerste. Man bot den Eltern Geld als Entschädigung. Sie stießen es zurück. Sie fluchten dem 16