Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 19 (1916)
- Article
- Kommerzienrat Arnold
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 238 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Rahel, bis dahin so ganz und ausschließlich mein, wie nichts auf der Welt, mein bester, mein einziger Spielgefährte; älter und verständiger, mich leitend und besänftigend. Wieviel Thränen hat sie mit ihrem Schürzenzipfel von meinen schmutzigen Wangen getrocknet! , Und nun ging sie, wohin ich nimmer durfte, sah und erlebte, wovon ich nur aus ihrem Erzählen staunend hörte. Einmal schlich ich doch hinterher bis in ihr neues Wunderland — man schickte den schmutzigen, tollpatschigen Jungen, der stumm vor Herzklopfen, in dem teppichbelegten Hausflur, sich kaum umzuschauen wagte, sehr schnell wieder heim. Für den war damals dort wirklich kein. Platz — ein Menschenalter später, hat er ihn ganz respektabel zu behaupten gewußt. Zwei glückselige Jahre! Wir hatten ein Heim, gingen regelrecht, ich in die Armenschule, Rahel mit gutgekleideten Mädchen zu einer Privatlehrerin. Da ließ eines Tages unser Wohltäter den Vater rufen: Er und seine Frau wären nun so an das liebreizende Kind gewöhnt, daß sie beschlossen hätten, es ganz zu sich zu nehmen; es später auch vor dem Gesetz zu ihrem eigenen zu machen. Er sei aber ein alter Menschenkenner — so lange ihre Leute in der Stadt, würde sie doch niemals recht festwurzeln. Ganz wollten sie das Kind haben. Darum sollten wir fort! Wir wären ja ohnehin als Landfremde hergekommen. An Reisegeld, solle es uns nicht fehlen. Nur unseren Aufenthalt brauchten wir melden, um jeden Monat eine auskömmliche Summe zu erhalten. Da stand der arme, vom Leben zerzauste Schnorrer demütig und mit geducktem Rücken vor seinem Wohltäter und durfte ihm sein Geld nicht vor die Füße werfen — seines Kindes Zukunft sollte es ja erkaufen! Die Mutter weinte und schrie um ihr Kind, um ihr Heim; der Vater ging umher und wimmerte, wie ein ge-